Der führenden französischen Tageszeitung war das Ereignis einen Aufmacher auf der ersten Seite wert: Le Monde berichtete ausführlich über den Tarifabschluß in der deutschen Metallindustrie, eine Übereinkunft, wie sie in Frankreich kaum denkbar sei. Die Zeitung knüpfte daran die Bemerkung, daß durch die moderate Lohnerhöhung die Wettbewerbsfähigkeit der Konkurrenten jenseits des Rheins wieder gestärkt werde. Das bedeutet auch: Die Arbeitsplätze werden sicherer. In der Bundesrepublik wurde der Lohnkompromiß in der Metallindustrie ebenfalls – und nahezu einhellig – begrüßt. Neben dem obligaten Eigenlob der beiden Tarifparteien sparten diesmal auch die Kommentatoren in den Medien und Politiker nicht mit Beifall.

Diesen Applaus haben Gewerkschaften und Arbeitgeber auch verdient. Mit einem Minimum an Theaterdonner und Drohgebärden und in einem bemerkenswerten Tempo haben sie in diesem Jahr in der Metallindustrie die Einigung herbeigeführt und damit ein Signal für die gesamte Lohnrunde 1982 gesetzt. Wenn es bei diesen Tarifverhandlungen einen Sieger gegeben hat, dann war es die Vernunft. Denn Gewerkschaften wie Arbeitgeber müssen sich eigentlich von ihrem Interessenstandpunkt gleichermaßen als Verlierer fühlen.

  • Für die IG Metall und die von ihr vertretenen Arbeitnehmer ist eine Lohnerhöhung um 4,2 Prozent nur schwer zu akzeptieren. Sie liegt unter der für dieses Jahr im günstigsten Fall zu erwartenden Inflationsrate von rund fünf Prozent. Damit sichert sie einkommenspolitisch nicht einmal den „Besitzstand“. Allenfalls kann man hoffen, daß der Besitz an Arbeitsplätzen dadurch nicht noch weiter gefährdet wird. Aber nicht einmal das kann garantiert werden, denn auch die hohen Zinsen, steigende Rohstoffpreise oder sinkender Absatz können Betriebe in die Pleite treiben oder zu Entlassungen zwingen.
  • Für die Unternehmen der Metallindustrie bedeutet der Lohnabschluß unterhalb der erwarteten Inflationsrate keineswegs eine automatische Gewinngarantie. Denn abgesehen davon, daß sich die Belastung durch die Lohnnebenkosten in vielen Fällen fast verdoppelt, können die meisten Betriebe der Metallbranche ihre Preise keineswegs im Gleichschritt mit den Kosten der Lebenshaltung erhöhen. Das gibt der Markt in der gegenwärtigen Flaute nicht her. Nicht die Preise für Industrieprodukte, sondern vor allem höhere Importpreise bei sinkendem Wechselkurs der Mark und kräftig steigende Tarife bei Bahn und Post sowie erhöhte öffentliche Gebühren für Müllabfuhr, Gas und Wasser, oder, im Nahverkehr werden „auch, in diesem Jahr, die wichtigsten Quellen der Inflation sein.

Wie stark die Preise für staatliche Leistungen steigen, wird allerdings auch davon abhängen, wie die Lohnverhandlungen im öffentlichen Dienst ausgehen. Wird der Bonner Innenminister Gerhard Baum als Spitzenvertreter der Arbeitgeber in Bund, Ländern und Gemeinden diesmal härter und geschickter taktieren als bei den für ihn blamablen Verhandlungen über eine Kürzung der Zulagen im öffentlichen Dienst um ein Prozent? ÖTV-Chef Heinz Kluncker jedenfalls scheint vorerst nicht bereit, die Interessen seiner Mitglieder kampflos auf dem Altar des Allgemeinwohls zu opfern (siehe ZEIT-Gespräch Seite 25).

Doch auch er kann – und will – das von den Tarifparteien der Metallindustrie gesetzte Signal nicht rücksichtslos überfahren. Bei den Tarifverhandlungen dieses Jahres geht es nämlich nicht nur um die Einkommensinteressen der Arbeitsplatzbesitzer, sondern auch um das Schicksal der Arbeitslosen – und derjenigen, die bald dazu gehören könnten. Die Gewerkschaften und Arbeitgeber der Metallindustrie sind die ersten, die für sich in Anspruch nehmen können, nicht nur über die Beschäftigungskrise zu reden oder wirkungslosem Aktionismus zu verfallen (wie die Regierung), sondern auch entsprechend zu handeln – selbst wenn es weh tut. Daran werden sich jetzt alle anderen messen lassen müssen.

Michael Jungblut