Von Karl Otto Hondrich

Eine beliebte Gestalt der deutschen wirtschaftspolitischen Legendenbildung, der frühere Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht, soll nach dem Zweiten Weltkrieg auf die Frage eines indonesischen Regierungsvertreters, was die Indonesier für die wirtschaftliche Entwicklung ihres Landes tun könnten, geantwortet haben: „Mehr arbeiten.“ Das Rezept wird heutzutage von deutschen Asienreisenden zu uns zurückgebracht.

1,7 Millionen Arbeitslose, abzüglich, sagen wir, zehn Prozent, die nicht arbeiten wollen; zuzüglich 600 000 Frauen und 200 000 Ältere, die ganz gern noch einen Beruf hätten; dazu die Kurzarbeiter – stellen wir uns also vor, rund zweieinhalb Millionen Menschen in der Bundesrepublik würden sich nach Rezept verhalten und einfach die Arbeitsplätze besetzen (oder nicht räumen), die sie gern hätten. Das Durcheinander wäre unbeschreiblich. Unser Problem scheint nicht fehlende Leistungsbereitschaft der einzelnen zu sein, sondern ein eklatanter Organisationsmangel des Ganzen.

Selbst wenn man von Konjunkturproblemen einmal absieht; auch stetige wirtschaftliche Entwicklung kann nicht durch viel arbeiten allein erreicht werden; richtiges Teilen der Arbeit, Zusammenarbeiten, Anreichern der Arbeit mit Kenntnissen und Ideen müssen hinzukommen – nicht zu reden von religiösen, familiären, wissenschaftlichen, politischen Leistungen als Voraussetzungen wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit.

Versteht man unter Leistungsbereitschaft die Absicht, sich für ein bestimmtes Ziel anstrengen zu wollen, dann heißt leistungsbereit sein wollen also nicht nur: viel arbeiten wollen, sondern auch: Arbeit teilen und abgeben wollen, ja sogar: auf Arbeit verzichten wollen, wenn man den anderen bei einer kollektiven Anstrengung im Weg steht. Hochbezahlten Managern, politischen Beamten und Fußballtrainern wird diese Bereitschaft, mit Leistung aufzuhören oder sie in andere Lebensbereiche umzulenken ebenso abverlangt wie dem ganz gewöhnlichen Arbeitslosen. Daß es sich bei dem Verzicht auch um eine Anstrengung mit Kosten handelt, erkennt man an der Höhe der Abfindungen. Und so kann man die Arbeitslosenunterstützung auch begründen.

Nichtstun als Beitrag zu einer kollektiven Leistung – das ist eine der Widersprüchlichkeiten, die die Leistungsgesellschaft hervorbringt. Mit jedem Schritt, den sie voran macht, erzeugt sie ein Stück von ihrem Gegenteil. Zehrt sie so auch die Leistungsbereitschaft auf, die sie begründet hat?

Ich will diese Frage an Hand von vier Widersprüchlichkeiten untersuchen, die auf den ersten Blick darauf hinzuweisen scheinen, daß Leistungsbereitschaft erschlafft.