Von Fritz J. Raddatz

Fritz J. Raddatz: Der erste Band Ihrer Erinnerungen, Hans Mayer, der dieser Tage erscheint, hat den Titel „Ein Deutscher auf Widerruf. Ein zwiespältiger Titel; widerrufen kann man selber – man kann aber, wie Ihr Leben zeigt, auch „widerrufen werden“. Was meint der Titel?

Hans Mayer: Sie haben eigentlich schon alles gesagt, was ich antworten würde. Der Satz geht, zunächst von dem Gedanken aus, daß ich als Deutscher, eigentliche Staatsangehörigkeit Preußen, 1907 in Köln geboren wurde. Reichsdeutscher, wie man das damals nannte. Als ich 1933 emigrieren mußte, in die Schweiz und nach Frankreich, da erreichte mich 1938 auf Umwegen die Nachricht, in der neuen Nummer des Reichsgesetzblattes stände auch ich als Ausgebürgerter. Man hatte mein Deutschtum widerrufen, man war widerrufen worden, wie Sie es eben genannt haben, 1945 im Oktober, das war Heimkehr in die Fremde. So zeigt der Titel „Ein Deutscher auf Widerruf“ auch, daß nichts zurückgenommen werden kann. Ich habe heute keine Antwort mehr auf die Frage: Sind Sie eigentlich ein Deutscher? Ich pflege dann gelegentlich zu sagen: Ich habe einen Paß der Bundesrepublik Deutschland. Was ja keine Antwort ist. Bin ich Deutscher, bin ich Jude, ist das ein Gegensatz nach allem, was gewesen ist? Man ist Deutscher, aber da sind Vorbehalte von den anderen her, von mir her, hoffentlich nicht hinführend zu einem neuen Widerruf.

Wäre es Ihnen vorstellbar gewesen, dieses Land nie mehr zu betreten – oder gar jetzt, heute anderswo zu leben, etwa in Israel? Sie verstehen, ich zitiere, ohne den Namen genannt zu haben, die Entscheidung eines Autors, dessen Arbeit zentral in Ihrem eigenen (Euire steht: Thomas Mann.

Ich habe mir die Frage oft gestellt, ich muß sie mit Nein beantworten. Ich bin zweimal in Israel gewesen, zuerst 1968 in der absurden Situation, daß ich durch den Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Israel als Redner zur Eröffnung einer deutschen Buchausstellung vorgestellt wurde. Und nun kam die Frage: Wie konnten Sie als Jude und so weiter. Sie können sich das vorstellen; sehr unbequeme Fragen, auf die ich keine eindeutige Antwort geben konnte. Und hier liegt nun der Unterschied, neben allen anderen Unterschieden, zwischen Hans Mayer und Thomas Mann. Thomas Mann war ein großer und blieb ein großer Schriftsteller deutscher Sprache. Ich aber, das zeigt ja mein Buch, war noch ganz am Anfang. Alles, was man später mein Œuvre nennen mag, all das war noch nicht geschrieben oder noch nicht publiziert. Das Büchner-Buch war geschrieben, aber ist ja erst 1946 erschienen Ich hatte den Eindrurk, wenn ich überhaupt für irgend etwas begabt bin, so fürs Schreiben und wohl auch fürs Lehren. Und da allerdings meine ich: Ein deutscher Schriftsteller, der nicht bereit ist, sich den Wandlungen der lebendigen Sprache auszusetzen, dessen Sprache verdorrt. Die Sprache wird starr. Man hört auf, Schriftsteller zu sein. Das ist das Entscheidende. Für Thomas Mann war das vollkommen gleichgültig, er war Thomas Mann, er hatte seinen Tonfall, seinen Stil gefunden. Für mich war es gar keine Möglichkeit, in der Schweiz zu bleiben oder nach Amerika zu gehen. Was hätte ich dort gesollt? Irgendeinen der bürgerlichen Berufe ergreifen, vor denen ich ja in meiner ganzen Jugend- und Exilzeit geflohen war? Ob ich heute noch Lust hätte, irgendwann die Bundesrepublik zu verlassen und irgendwo anders hinzugehen – die Gegenfrage wäre sofort: wohin? Wo wäre es dann eigentlich besser? Ich lebe gern in Deutschland, obwohl mir sehr vieles in zunehmendem Maße mißfällt und mich manchmal in dunklen Stunden fragen läßt: Willst du das eigentlich täglich noch weiter erleben?

Sie sind einer der ganz wenigen, die sich mit dem Œuvre zweier literarischer Antipoden intensiv beschäftigt hat: mit Thomas Mann wie mit Brecht. Es waren aber nicht nur literarische Antipoden, sondern auch politische – im Gesellschaftsentwurf, im unterschiedlichen Konzept des Begriffs Emigration oder Exil. Was hat das eigentlich mit Ihrem Zugriff zur Literatur zu tun, daß Sie sich einerseits, dem Mann, ich möchte fast sagen, auf erotische Weise nahe fühlen, dessen Namen man mit dem 19. Jahrhundert in Verbindung bringt, und doch gleichzeitig eine starke persönliche Bindung zu Brecht hatten? In Ihrem Buch nennen Sie einmal die Giehse als einen der wenigen Menschen, der mit beiden verkehren konnte. Aber verkehrt, im intellektuellen Sinne, haben doch auch Sie mit beiden ganz stark.

Gearbeitet sogar.