Von Volker Mauersberger

Wir hatten uns wie üblich am Skilift Tres Hombres verabredet und warteten darauf, daß Skilehrer Jorge endlich den Hang heruntergewedelt kam – wie üblich in seiner unnachahmlich eleganten Haltung, die selbst bei seinen Skilehrer-Kollegen Bewunderung provozierte. Man sah ihm einfach an, daß er jahrelang hier in Formigal und drüben im Valle de Arán Skirennen gefahren war. Aber würden wir heute überhaupt hinauffahren können, wie wir es uns am Morgen vorgenommen hatten? Drüben am Sessellift hatten sie vor einer halben Stunde den Strom abstellen lassen, und auch hier, an der Talstation von Tres Hombres, drängte der Liftwart zur Eile: Der Wind war in den letzten Stunden so stark geworden, daß die leeren Liftsessel bedrohlich nahe an den Stützpfeilern vorbeigeschwankt waren. Endlich an der oberen Liftstation angekommen, hob der tief in Anorak und Pudelmütze vermummte Jorge zweimal die Hand: Windstärke zehn sollte das bedeuten.

In den Genuß einer Ski-Abfahrt, bei der sich der Anorak unter. Sturmböen wie ein Groß-Segel bläht, kommt man wohl nur im spanischen Formigal: In diesem kleinen, hinter einem machtvollen Felsmassiv der aragonischen Pyrenäen gelegenen Ski-Ort gehört die erste Frage am Morgen nicht der Sonne oder dem Schnee. Hier hört man beim Aufwachen darauf, ob der Sturm durch die Hüttenbalken fährt: "El viento", der Wind, heißt der Spielverderber, der die Ski-Ferien leicht in die Langeweile tagelanger "Mensch-ärgere-Dich-nicht"-Turniere abgleiten läßt. Wenn sich jenseits des Pico Royo, schon weit drüben in Frankreich, der gefürchtete "viento" erhebt, dauert es oft nicht mehr lange, daß die beiden einzigen, auf den Pico Tres Hombres oder Collado de Izas führenden Lifte abgestellt werden. Es hat verärgerte Besucher gegeben, die die Erschließung dieses in Spanien immer bekannter werdenden Ski-Gebiets für eine einzige Fehlinvestition halten – und die dennoch immer wiederkommen,

Das mag an den weitläufigen, von unzähligen Abfahrts-Varianten geprägten Ski-Hängen liegen, die sich Formigal im Laufe der letzten zehn Jahre zugelegt hat. Dennoch haftet dem Ort der kaum wieder gutzumachende Makel an, rücksichtslos einer wild wuchernden Ski-Industrie angepaßt worden zu sein: mehrstöckige Hochhäuser, rasch zusammengezimmerte und schlecht beheizte Chalets, das in Spanien schon chronische Fehlen von Bürgersteigen, Parkplätzen und Spazierwegen – dieses Sündenregister einer rein profit-orientierten Neo-Architektur hat Formigal geprägt. Auch in Spanien hat ein Denkprozeß eingesetzt, der sich in harscher Kritik an einem künstlich aufgepfropften Modernismus artikuliert.

Dies zeigt sich besonders in dem großen Konkurrenten von Formigal, dem fast zum Treffpunkt des spanischen Ski-Jet-set avancierten Baqueira Beret, das sich am äußersten Nordrand der katalanischen Pyrenäen verbirgt. Man nähert sich diesem kleinen Ort nach einer unvergeßlichen Autofahrt durch das Valle de Arán – ein gewundenes, von winzigen Bergdörfern, Stauseen und Gebirgsmassiven umsäumtes Tal, das oft an Südtiroler und Schweizer Bergregionen erinnert. Stück für Stück wurde dieses von Naturschönheiten fast überreich angefüllte Pyrenäen-Tal für den Fremdenverkehr erschlossen: zuerst im Jahre 1832, als französische Ingenieure unter dem Puerto de Viella den ersten Tunnel konstruierten – über ein Jahrhundert später noch einmal, als der fünf Kilometer lange Auto-Tunnel nach Viella im Jahre 1948 endlich eingeweiht wurde und die Erschließung der Ski-Gebiete von Baqueira Beret begann. Von 1500 Meter Höhe führen Sessel- und Schlepplifte bis auf den 2500 Meter hohen Cap de Baqueira hinauf. Sogar für den geübten Skiläufer reicht eine Tageskarte nicht aus, um die gut präparierten Pisten abzufahren. Gewiß hat auch Spaniens König Juan Carlos mit seiner Passion für Baqueira dafür gesorgt, daß dieser Skiort heute weit über seine Gebirgsgrenzen hinaus bekannt geworden ist.

Ein Besuch in Baqueira Beret ist stets identisch mit einem Abstecher in eben jenes Valle de Arán, wo die Dörfer Salardu, Tredos oder Arties heißen – und jedes für sich über historische Kostbarkeiten verfügt. Allen voran die romanischen Kapellen von Bossost und Betrén gehören zu Pflichtbesuchen. Weil Baqueira nur über eine beschränkte Hotelkapazität verfügt, ist fast jeder zweite seiner Besucher auf die Dörfer am Flußlauf der wild zu Tal schäumenden Garona angewiesen – in den Schiefer-Chalets, in den urgemütlichen Weinkneipen, im unverwechselbaren Ambiente des "Arán" bekommt man schon selbst ein Gespür dafür, daß man an den historischen Zeugnissen dieses Pyrenäen-Tals nicht einfach achtlos vorbeilaufen kann.

Im gestrengen Sinne gilt dies auch für das dritte der spanischen Ski-Gebiete, das allerdings längst über die Grenzen der Iberischen Halbinsel hinaus bekannt geworden ist. Noch gibt es zwar viele europäische Skiläufer, die die Sierra Nevada zwischen Texas und Wyoming ansiedeln wollen, doch mit Cowboys und Kühen hat das Ski-Gebiet wenig zu tun. Aus einer imposanten, über hundert Kilometer langen Gebirgskette ragen der Mulhacén und der Valeta mit einer Höhe von fast 3400 Metern hervor – Spaniens höchste Berge.

Natürlich liegt der Reiz dieses südspanischen Ski-Gebiets darin, daß man sich eine Anfahrt durch blühende Mandelbaum-Plantagen, lockende Apfelsinen-Gärten und die Alhambra von Granada leisten kann – ehe man sich in die architektonische Hochhaus-Ödnis des Ski-Orts "Sol y Nieve" einquartiert. Doch selbst der verwöhnteste Skiläufer kommt auf den Pisten der Sierra Nevada auf seine Kosten – im März und April werden von einigen, die Andalusiens Sonne und die Nähe des Meeres gar nicht mehr aushalten können; sogar Bikini und Badehose ausgefahren: Davon kann Freund Jorge in Formigal, im Schneesturm bei Windstärke zehn, leider nur träumen...