Von Manfred Fischer

Der Parkplatzwächter verrät den kürzesten Weg zur Ruine wie einen Geheimtip. Nur ein paar Schritte über die Dorfstraße von Tintagel, dann führt auch schon rechts ein holpriger Feldpfad Richtung Meer.

Der Ort Tintagel an der Nordküste Cornwalls ist das touristische Zentrum des Reiches von König Artus, dem Sagenhaften. Gewiß, ringsherum gibt es so gut wie kein Nest, so gut wie keinen alten Mauerrest, die nichts mit diesem Mythos zu tun haben sollen, so Camelford zum Beispiel, der nächste größere Ort an der Landstraße A 39. Aber die verwitterten Ruinen von Tintagel sind doch von allen Stätten am intensivsten mit dem Schöpfer der Tafelrunde verknüpft.

Die Brandung ist schon lange zu hören, bevor man das Wasser sieht. Ich habe den Rat des Parkplatzwächters nicht befolgt, bin nicht über die zweite Brücke links gegangen und den verschlungenen Pfad durch die Wiesen zur Burg, sondern abwärts bis zum Wasser. Irgendwo im Nordwesten muß Irland liegen.

– Hier ganz unten am Meer beginnt der mühsamste Aufstieg zur Burg. Nur schwach ausgeprägte steinerne Stufen, ein wankendes Geländer aus morschem Holz; der Tourist zeigt Einsatz, um sich dem Mythos zu nähern.

Die niedrigen Mauerreste stammen aus dem 12. Jahrhundert. Damit allein ist schon sichergestellt, daß sie historisch nichts, aber auch gar nichts mit Artus und seiner Tafelrunde zu tun haben können. Zwar weiß man wenig über den Mythenkönig, die Historiker aber plazieren ihn in das fünfte nachchristliche Jahrhundert. In jener Zeit hat ein keltischer Stammesfürst seine Landsleute im Widerstand gegen die Sachsen vereint, die Sage von seinen tapferen Taten lebte fort und wuchs über seinen Kopf hinaus.

Das Dorf Tintagel kam erst im 12. Jahrhundert zu Artus-Ehren. Geoffrey of Monmouth hat damals in seiner „Historia Regum Britanniae“, einer Mischung aus Geschichtsschreibung und romantischer Erzählung, Tintagel Castle zur Residenz von König Artus erklärt. An der Fabel ist danach noch oft herumgedichtet worden. Die moderne Version lieferte 1939 Terence Hanbury White mit seinem Roman „The One and Future King“. Auf Deutsch ging das Werk dann 1976 als „Der König auf Camelot“ in das Märchenreich der Phantasie-Literatur ein. Und als jüngsten Versuch, die Sagen um König Artus weiterzudichten, kann man zur Zeit das Mammut-Theaterstück „Merlin“ von Tankred Dorst in Düsseldorf und München jeweils runde acht Stunden über sich ergehen lassen.