Wer von Norden kommt, über die Dardanellen, den Hellespont (den der englische Dichter George Byron einst durchschwamm), über Troja und die unvergleichlich eindrucksvolleren Ruinen von Assos, hoch auf dem Felskap gelegen, mit traumhafter Aussicht auf das Ägäische Meer und hinüber zur griechischen Insel Lesbos wer Pergamon gesehen hat und Ephesos oder gar das geheimnisvolle, kaum bekannte Aigai, eine nach dem Vorbild von Pergamon gebaute Terrassenstadt, deren gewaltige Trümmer noch so unberührt liegen wie vor anderthalb Jahrtausenden (unberührt auch von Archäologen) auf einem 350 Meter hohen Berg in unbewohnter Gegend, wohin keine Straße führt wer das vollkommen ausgegrabene Priene kennt, eine nach dem Schachbrettmuster angelegte Stadt, der Alexander der Große einen riesigen Athena Tempel stiftete, mit so ausgewogenen Proportionen, daß sie in der Antike als beispielhaft galten wer also über diese Stationen hierher kömmt, der kann von den Überresten Milets, der einst hochberühmten, zeitweise bedeutendsten und einflußreichsten Gioßstadt im "westlichen Kleinasien, nur enttäuscht sein. Das griechische Milet ist nahezu verschwunden, und von der römischen Stadt - wie Pergamon und Ephesos wurde auch Milet im 2. Jahrhundert vor Christus dem Römischen Reich eingegliedert - haben sich nur wenige Bauwerke erhalten.

Eins von ihnen ist das imposante zweigeschossige Markttor aus der Zeit Kaiser Hadrians, also aus den zwanziger Jahren des 2. Jahrhunderts nach Christus. Aber dieses "wundervolle Prachttor" so Theodor Wiegand im Jahre 1903, der die Trümmer des marmornen Bauwerks gefunden hatte - steht nicht mehr in Milet. Einst verband es im Herzen der Stadt den Platz vor dem alten Buleuterion, dem Rathaus, und dem dreigeschossigen prunkvollen Nymphäum, dem Brunnenhaus, mit dem riesigen Südmarkt, der mit seinen 33 000 Quadratmetern, ganz umschlossen von zweischiffigen Säulenhallen, 78 Läden und einem großen Kaufhaus, der größte Marktplatz der ganzen antiken Welt war. Vor 75 Jahren aber wurde es, genauer: die noch vorhandenen Teile seiner Trümmer, in 533 Holzkisten verpackt, und diese 750 Tonnen Marmor transportierte der Bremer Dampfer "Athena" nach Deutschland.

Seit einem halben Jahrhundert steht der 29 Meter breite, fast 17 Meter hohe dreitorige PrachtDurchgang, weitgehend restauriert, im PergamonMuseum zu Berlin (Ost). Sich die Handelsstadt Milet auch nur annähernd vorzustellen, so wie sie einst war, hier in der Ebene des Mäanders, etwa neun Kilometer vom Meer entfernt (das damals aber bis hierher reichte), ist leichter, wenn man zuvor das Markttor im Berliner Pergamon Museum gesehen hat, wo noch viele andere Funde aus dieser Gegend sind, vor allem ja der berühmte Fries vom Altar zu Pergamon.

Ein anderes bedeutendes milesisches Bauwerk aus römischer Zeit, viel zu kolossal, als daß es in der Vergangenheit als Steinbruch völlig ausgebeutet werden konnte, ist das gut erhaltene Theater, auf der ursprünglich griechischen Anlage neu errichtet unter Kaiser Trajan (97 117 n. Chr ). Seine Vorderfront ist 140 Meter breit. Die Sitzplatze, für etwa 25 000 Zuschauer, liegen in drei Rängen zu je 18 Reihen in dem hochaufragenden Bauwerk. Von oben, wo die Sitzreihen nur noch andeutungsweise erhalten sind, kann man weite Teile des ehemaligen Stadtgebiets übersehen.

Milet, schon vor dreieinhalb Jahrtausenden von kretischen Siedlern oder, der Sage nach, von Apollons Sohn Miletos gegründet, lag auf einer etwa zwei Kilometer spitz ins Meer ragenden Halbinsel, die an ihrer breitesten Stelle etwa tausend Meter maß. Schon in griechischer Zeit war dieses Terrain von der damals 80 000 Einwohner zählenden Stadt ganz ausgefüllt und von Mauern umgeben. Vier natürliche Buchten dienten als Häfen. Eine, die Löwenbucht, so genannt nach zwei steinernen Löwen, die die Einfahrt flankierten - der Löwe war das milesische Wappentier , reichte unmittelbar bis ans Theater "Sie müssen sich vorstellen, daß direkt hier vor uns einer der Häfen lag, der sogenannte Theaterhafen, daß hier alles voller Leben war und daß man dieses gewaltige Theater, erbaut aus strahlend weißem schon von weither übers Meer sehen konnte, bei klarem Wetter sogar von Samos aus", sagt Professor Dr -Ing. Wolfgang Müller Wiener, Erster Direktor beim Deutschen Archäologischen Institut, Abteilung Istanbul.

Müller Wiener, der an der Universität von Istanbul lehrt, gräbt hier seit 25 Jahren, in letzter Zeit vor allem im nördlichsten Teil des Stadtgebiets, ganz an der Spitze der ehemaligen Halbinsel, wo ein Tempel aus dem 3. Jahrhundert vor Christus ans Licht kam, der - wie zahlreiche dort gefundene Terrakottafigürchen, vor allem auch Terrakottaschweinchen wahrscheinlich machen der griechischen Erdmutter Demeter geweiht war, und mitten im Stadtgebiet, wo die Michaelskirche und der benachbarte Bischofspalast standen. Sie entstanden um 600 nach Christus, nachdem Milet, wo auch der Apostel Paulus sich eine Zeitlang aufgehalten hatte, in frühchristlicher Zeit Bischofsstadt geworden war.

Dies blieb Milet bis ins 14. Jahrhunderts als seine Häfen durch die Sand- und Geröllmassen des Mäanders schon stark verlandet waren und die Stadt ihre einstige Bedeutung als Handelsmetropole längst Verloren hatte. Dann, unter den Türken, gewann Milet, das nun Balat hieß, noch einmal eine gewisse Bedeutung durch seine Manufakturen. Aus den Anfängen dieser Zeit, von 1404, stammt die in ihrer Schlichtheit besonders schöne, nach dem Erdbeben von 1955 restaurierte Ilias BeyMoschee. Im 16. Jahrhundert, als durch die zunehmende Versumpfung des Geländes ringsum die Entfernung zum Meer immer größer wurde, verließen die Bewohner ihre hafenlose Stadt, wo Malaria übertragende Mücken ihnen das Leben zur Hölle machten. Und dann verschwand auch die Stadt.