Moskau preist die industrielle Entwicklung Sibiriens als das große Zukunftsunternehmen der Sowjetunion an. Eine Reise durch die Landschaft östlich des Urals weckt allerdings manchen Zweifel am Moskauer Optimismus.

Der Zweifel beginnt schon an den Flugplätzen, so in Nowosibirsk, einem wichtigen Knotenpunkt in der Mitte Sibiriens. Dort stauen sich die Menschenmassen innerhalb und außerhalb des Flughafengebäudes, denn nicht selten muß der Reisende den ganzen Tag und länger auf seinen Flug warten. Manche schlafen sogar auf dem harten Steinfußboden, mit einem Prawda-Blatt als Unterlage. Vor dem Flughafenrestaurant steht eine lange Warteschlange. Als Intourist-Gast darf man sie passieren und stellt voll Erstaunen fest, daß der für Massenabfertigung konzipierte Speisesaal halb leer ist. Treuherzig meint der Kellner: „Hier haben wir es mit den gleichen Problemen zu tun wie überall in der Sowjetunion.“ Es mangelt offensichtlich an Nahrungsmitteln; deshalb die Schlangen vor dem Eingang.

Dabei könnte der vielgepriesene Rohstoffreichtum Sibiriens auch auf Agrarprodukte ausgedehnt werden. Der Dauerfrostboden erstreckt sich zwar bis nach China und zur Mongolei. Doch in Südwest-Sibirien, unterhalb der Linie Tschelabinsk-Krasnojarsk, gab es schon vor der Revolution landwirtschaftliche Überproduktion. In der Bergbaustadt Meschduretschensk weiden sogar die Kühe die Grünstreifen zwischen den Fahrbahnen ab, und 1980 schrieb der sowjetische Journalist Murad Adschiew begeistert: „Ich habe gesehen, wie in Sibirien der Wein reif wird! Und auch Wassermelonen! ... Ich bin selbst, über grüne, jungfräuliche Wiesen gelaufen.“

Aber der Reisende sieht nur das Obst von baschkirischen und taschikischen Privathändlern. Die Händler begleiten persönlich ihre eigene kümmerliche Traubenernte auf der Flugreise durch Sibirien und verknappen so das ohnehin schon enge Sitzplatzangebot von Aeroflot.

Trauben von diesen Kleinkapitalisten werden für vierzehn Rubel (33 Mark) das Kilo angeboten. Nur die Hälfte ist noch genießbar, vom Geschmack nicht zu reden. Auch wenn in Sibirien Spitzengehälter verdient werden, so doch wohl im Durchschnitt nicht mehr als 300 Rubel im Monat. Die Kulaken-Trauben hängen also für Normalverdiener zu hoch.

Organisatorisch wäre es gewiß kein Problem, Obst und Gemüse nebst Passagieren in alle Richtungen Sibiriens zu transportieren. Sowjetische „Polar-Mediziner“ verlangen für die Bevölkerung extrem kalter Zonen ausdrücklich Rohkost. Aber die Planwirtschaft ist offenbar nicht in der Lage, das zu organisieren. Die Startbahnen reichen bis jetzt nur für die Transportmaschinen aus, die vor allem Produktionsgüter heranschaffen und selbst vor Linien-Passagierflugzeugen Vorrang haben.

Die Sowjets haben ohne ausreichende Infrastruktur mit der Ausbeutung Sibiriens begonnen. Den kostspieligen Investitionen sollten schnelle Erträge folgen. Doch die Sowjetunion kann nicht genügend Wirtschaftskraft bereitstellen, um Sibirien erst auszubauen und dann auszubeuten.