Das corpus delicti ist eine Photokopie aus einer deutschen Wirtschaftszeitschrift. Da wird mit zwei Bildern ein Kontrastprogramm dargestellt, das den Managern des belgischen Stahlkonzerns Cockerill-Sambre in höchstem Maße unzutreffend erscheint: Neben einem nach Jahrhundertwende riechenden Bild aus der belgischen Stahlindustrie sieht man eine supermoderne Anlage in Deutschland.

Die Belgier können freilich nicht leugnen, daß das Bild des Anstoßes jungen Datums ist. In Charleroi oder Lüttich gibt es genügend Perspektiven, um mehr als ein Dutzend solcher Photos zu schießen – die Tristesse wallonischer Industriegebiete ist kaum zu überbieten.

Freilich wäre es kein Kunststück, ähnliche Bilder auch in dem europäischen Stahlrevier zu machen, das nach eigenem Bekunden das modernste Europas ist – an der Ruhr nämlich. Nur käme deshalb niemand auf die Idee, Thyssen habe den technischen Fortschritt verschlafen.

Den Belgiern wird das freilich von ihren deutschen Konkurrenten immer wieder unterstellt. Wenn an Rhein und Ruhr das Lamento über die Subventionierung der anderen europäischen Stahlunternehmen anhebt, dann wird regelmäßig auf die vermeintliche Konsequenz hingewiesen: Mit den Staatsgeldern würden veraltete Werke künstlich am Leben gehalten, moderne deutsche Anlagen seien vor allem desahalb unterbeschäftigt und arbeiteten mit unerträglichen Verlusten.

Die Subventionen können die Stahlhersteller in anderen europäischen Ländern nicht leugnen, gegen den Vorwurf der Überalterung ihrer Anlagen setzen sie sich jedoch zur Wehr. Jacques van de Steene, der Generaldirektor der im vergangenen Jahr neu geschaffenen belgischen Gesellschaft Cockerill-Sambre, erklärt zu den Vorwürfen: „Wir liegen mit der Modernität unserer Anlagen im guten Durchschnitt der deutschen Stahlindustrie. Mit Thyssen können wir uns zwar nicht messen, aber viele deutsche Werke sind älter und schlechter.“

Der italienische Stahlkonzern Finsider, dessen Werke zum überwiegenden Teil erst in der Nachkriegszeit geschaffen worden sind, kann sich immerhin rühmen, daß bei ihm ein Großhochofen des Typs, mit dem Thyssen vielfältige Probleme hatte, problemlos läuft.