Von Christoph Bertram

Es ist verdienstvoll, in einem Band den Großteil der politischen Aufsätze vorzulegen, die Carl-Friedrich von Weizsäcker in den letzten 36 Jahre verfaßt hat. Wer allerdings glaubt, er habe nun den kompletten Weizsäcker in Händen, wird im Anhang eines Besseren belehrt: Ein Verzeichnis von politischen Texten, die nicht in diesem Band abgedruckt sind, führt allein 143 weitere Aufsätze, Interviews und Stellungnahmen auf. Das meiste in diesem Band ist zudem in früheren Büchern des Autors bereits veröffentlicht worden, oft in der der ZEIT:

Carl-Friedrich von Weizsäcker: „Der bedrohte Frieden. Politische Aufsätze 1945-1981“; Carl Hanser Verlag, München 1981; 648 S., 39,80 DM.

Es ist wohl nur aus der Sicht des Verlags ein Sachbuch. Aus der Sicht des Autors ist es eher eine Art persönliches Testament: keine zusammenfassende Analyse, sondern die Darstellung seines eigenen intellektuellen Werdeganges durch die 35 Jahre des Atomzeitalters, das er als junger Physiker selbst einzuläuten half. „Der bedrohte Frieden“ ist vor allem ein Rechenschafts- und Rechtfertigungsbericht Weizsäckers. Nicht zufällig ist es den Mitarbeitern jenes Instituts gewidmet, das der Autor in Starnberg von 1970 bis 1980 leitete und das mit seiner Emeritierung eingestellt wurde: dem Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt.

Weizsäcker, so scheint es, wollte noch einmal Revue passieren lassen, was er an Beiträgen zu dieser Welt der atomaren Waffen, der technischen Innovation, des Ost-West-Gegensatzes geleistet hat. An diesen Anspruch müssen sich die 650 Seiten messen lassen. Und in der Tat sind sie Zeugnis für das, was Carl-Friedrich von Weizsäcker zum Verständnis der schwierigen, oft unvermeidlich emotionalen und sich einfachen Lösungen entwindenden Problematik des Friedens im nuklearen Zeitalter geleistet hat – auch, was er nicht geleistet hat.

Nicht geleistet hat er – und dieses Urteil mag ihm selbst vielleicht ungerecht erscheinen – einen originellen, konzeptionellen Ansatz für die Bewältigung des Problems. Der Leser ist überrascht von der in vielem sehr konventionellen Analyse dieser Seiten: da sind keine eigentlich neuen Erkenntnisse, keine Durchbrüche zu Lösungen, die anderen entgangen wären. Vieles, gerade von den Arbeiten zu nuklearer Strategie und Rüstungskontrolle ist Rezeption von oder Kritik an angelsächsischer Analyse (so sein damals so einflußreicher ZEIT- Aufsatz „Mit der Bombe leben“ aus dem Jahre 1958). Und auch die Forschungsarbeiten der Vereinigung deutscher Wissenschaftler und des späteren Starnberger Instituts, die unter Weizsäckers Ägide entstanden, sind für die deutsche Diskussion marginal, in der internationalen Debatte gar weitgehend unbeachtet geblieben, trotz aller Arbeitspläne, Konzeptionsskizzen und Eigenwürdigungen, die in aller Länge in dem Band wiedergegeben sind.

Der große konzeptionelle Durchbruch, der gerade durch die Zusammenschau aller Bedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt angestrebt wurde, ist ausgeblieben. Aber auch in Einzelfragen fehlt es oft an Klarheit. Die Zentralthese etwa, daß der große Krieg zwischen den Weltmächten heute wahrscheinlicher sei als noch in den sechziger und siebziger Jahren, wird nicht ausdiskutiert. Wieso eigentlich sollte die gewachsene Zielgenauigkeit moderner Atomraketen auch zu einer höheren Wahrscheinlichkeit des Einsatzes führen, wenn doch trotz alledem das Risiko der gegenseitigen Vernichtung nicht geringer, sondern größer geworden ist? Das heißt nicht, hier wären nicht wichtige und lesenswerte Erkenntnisse notiert, die dem Verständnis unserer komplizierten Realität dienlich wären, – aber nicht die Originalität des Ansatzes, nicht der eigene konzeptionelle Beitrag sind es, die diesen Rechenschaftsbericht in erster Linie auszeichnen.