Von Hans Schueler

Nun wissen wir es: Kaum war die eierlegende Wollmilchsau zuchtreif, da fehlten ihr mit einem Mal Kopf und Schwanz. Ausgerechnet die Briten hatten es versäumt, ihren so wichtigen Beitrag zum bislang größten Gemeinschaftsprojekt des europäischen Marktes pünktlich abzuliefern. Die Deutschen bauten derweil munter Rippenstücke und Vorderschinken, die Italiener Flügel – und das alles über ein Jahr lang auf Halde. Das Schwein kann nämlich auch fliegen oder vielmehr: Es kann dies nicht, solange ihm Kopf und Hinterteil fehlen.

Viel bleibt nicht mehr zu erraten: Es handelt sich um. das Wunderflugzeug "Tornado", ein englisch-deutsch-italienisches Gemeinschaftsprojekt, vor der Taufe "Multi Role Combat Aircraft" (MRCA) genannt. Von ihm wird das Mit-Mutterland Bundesrepublik schon jetzt massiv heimgesucht, noch ehe seriengefertigte "Tornados" den Schlaf seiner Bürger durch nächtliche Massentiefflüge beeinträchtigen können.

Das trinationale Rüstungsunternehmen, nach Helmut Schmidt "das größte seit Christi Geburt", ist finanziell und technisch unter den Herstellerländern aufgeteilt: Der deutsche Rüstungskonzern Messerschmidt-Bölkow-Blohm baut das Rumpf mittel teil und den dazugehörigen Flügelmittelkasten aus Titan mit Schwenklagern und starrem Innenflügel, die British Aircraft Corporation das Rumpfvorderteil einschließlich Cockpit und das Heck mit Höhen- und Seitenruder, Fiat die Flügel. Abgerechnet wird, entsprechend den nationalen Anteilen an Entwicklung und Produktion, über eine in München residierende Agentur, wobei wenigstens seit Aufnahme der Serienproduktion das altbewährte Prinzip gilt: "Fly before buy" – zu deutsch: Erst fliegen, dann kaufen. Der Preis eines Serienflugzeugs wird für das Abnehmerland erst dann fällig, wenn das komplette Flugzeug vor der Halle steht.

In den ersten Produktionsjahren 1977/78 kamen die Briten mit der Lieferung ihrer "Tornado"-Schnauzen und "Tornado"-Schwänze in Verzug, weil monatelange Streiks die Flugzeugindustrie der Insel lahmlegten. Infolgedessen konnten weniger fertige Maschinen als bestellt ausgeliefert werden; also brauchten die Verteidigungsminister. der Partnerländer auch weniger zu bezahlen. In der Bundesrepublik führte dies zu dem verhängnisvollen Ende, daß im Verteidigungsetat von 1978 ganze 350 Millionen Mark wegen nicht gelieferter "Tornados" übrigblieben. Das deutsche Haushaltsrecht erlaubt aber keine Überbleibsel in der Börse irgendeines Ministers (nicht einmal in der eines Stadtkämmerens).

So kam es bei uns zur "Tornado"-Affäre: Vermeintlich gewitzt durch die britische Schlamperei und deren Konsequenzen nach deutschem Haushaltsrecht, kürzten die Verantwortlichen für das "Tornado"-Programm auf der Bonner Hardthöhe 1979 vorsorglich ihre Ansprüche an den Haushalt des nächsten und auch noch an den des übernächsten Jahres. Sie glaubten nicht daran, daß die "Halde" der von Deutschland und Italien vorproduzierten Teile von den Engländern aufgearbeitet und der Rückstand aufgeholt würde. –

Doch die Engländer arbeiteten auf. Das "Tornado"-Programm kam wieder in die Reihe, der deutsche Verteidigungshaushalt in Verzug – im letzten Jahr mit mehr als 800 Millionen Mark. Bundesverteidigungsminister Hans Apel geriet in die Bredouille, weil ihm sein Finanzkollege Matthöfer kein Geld für Unterdeckung und Mehrbedarf geben wollte; die Bundeswehr mußte andere Beschaffungsvorhaben strecken und sogar am Flugsprit sparen, um jede irgend erreichbare Mark in das "Tornado"-Loch zu stopfen.