Was der "Chopper" uns lehrt – Über das Irrationale der Rationalität

Von Ulrich Greiner

Schade, der Spaß ist vorbei. "Chopper", der Geist mit der Blechstimme, der Schrecken von Neutraubling, ist dorthin heimgekehrt, wo er herstammte: ins Reich der Phantasie. Einige Wochen lang kamen die Nachrichten, die die Welt erschütterten, nicht bloß aus Warschau und Washington, sondern aus einem kleinen Dorf östlich von Regensburg, und sie handelten nicht von so gespenstischen Themen wie SS-20 und Cruise-Missiles, sondern von so amüsanten Dingen wie einem Gespenst. Die Pointe der Geschichte liegt nicht darin, daß es den "Chopper" nicht gibt, sondern darin, daß so viele an ihn glaubten.

Eine sechzehnjährige Zahnarzthelferin hielt die Republik zum Narren, und genarrt wurden nicht bloß die, die man immer schon zum Narren hält, die treuen Leser von Boulevardblättern, die ahnungslosen Medienkonsumenten, gewohnt, Groteskeres für wahr zu halten als ein Gespenst in der Klo-Schüssel. Genarrt wurden vor allem die, die sich immun gegen Narrheit dünken, die Spezialisten, die Techniker, die Wissenschaftler; auch die Staatsanwälte, die eine "Sonderkommission Geist" ins Feld schickten. Genarrt wurden schließlich wir alle.

Sicherlich, geglaubt haben wir das nicht, nicht öffentlich, nicht nach außen. Insgeheim jedoch mögen manche aufgeklärte Zeitgenossen gedacht haben: Vielleicht ist was dran, man weiß ja nie. Und hatten damit doch ein bißchen recht, denn vieles wissen wir tatsächlich nicht. Die Weisheit ist nicht neu, aber sie gewinnt an Boden. Der Horizont unseres Nichtwissens ist uns näher gerückt. Wie anders wäre zu erklären, daß Millionen von Fernsehzuschauern gebannt den obskuren Weisheiten einer Astrologin lauschen? An deren Attraktivität allein kann das nicht liegen.

Es ist eine neue Sehnsucht nach dem Geheimnisvollen, nach dem Unerklärten und Unerklärbaren, die uns geduldig macht in Fällen, die früher bloß unser Gelächter erregt hätten. Die Zahl der Deutschen, die an Hexen glauben, nimmt zu. Elf Prozent seien es, sagen Meinungsforscher. Völkerkundler schätzen, daß in unserem durchrationalisierten Land zehntausend Hexenbanner tätig sind. Und in der nordisch klaren Hansestadt Hamburg gibt es rund siebentausend Menschen, die sich ihren Lebensunterhalt mit Wahrsagen, Kartenlegen, Pendeln, Gesundbeterei und Hexenbannertum verdienen.

Was geschieht da? Wir feiern zum Beispiel die Wiederkehr des Sterndeuters Nostradamus. Durchaus beruhigt nehmen wir zur Kenntnis, daß die unheildrohende Planetenkonstellation des 10. März keineswegs Unheil bedeuten muß. Wir lesen, natürlich nur zum Spaß, die Romane von Tolkien und White, ihre Märchen und Mythen. Wir sehen Filme wie "Excalibur", die sich in ein geheimnisvolles Mittelalter zurückdenken. Wir haben nicht gegen Stanley Kubricks Film "Shining" protestiert, gegen die Horror-Ballade vom Zweiten Gesicht, wir haben das gern angesehen. Wir sind bereit, den Erzählungen des Ethnologen Carlos Castaneda, des notorischen Gurus alternativer Gemütswelten, Gehör, wenn nicht gar Glauben zu schenken. Die deutsche Auflage seiner Bücher nähert sich der Million, und die magischen Lehren des Indianers Don Juan sind zum Besitz einer Generation geworden.