Von Luise Crome

Pjöngjang, im Winter

Durch das Land der Morgenstille tönen die Lautsprecher, auf den Baustellen, durch die Straßen, in den Betrieben, von morgens früh bis tief in die Nacht. In der Provinz hängt in jeder Wohnung ein kleiner Kasten an der Wand mit einem Knopf zum laut und leiser stellen. Aus ihnen regnet ein unaufhörlicher Lobgesang auf das 18-Millionen-Volk der (nord-) koreanischen Volksrepublik herab – eine Eloge auf sich selbst.

Seine kollektiven Errungenschaften sagt denn auch jeder Bürger im Alter von etwa vier Jahren an aufwärts, gefragt oder auch nicht, nimmermüde auf: die wundersame Befreiung des Volkes von dem despotischen Kolonialjoch der Japaner, der glorreiche Sieg über den brutalen imperialistischen Feind aus dem Westen, die märchenhafte Auferstehung des Landes aus den Ruinen des Bruderkriegs, der neue Superstaat, der alle mit allem versorgt. Und das alles ohne jedwede fremde Hilfe. „Wir brauchen niemanden, wir machen alles allein“, hört man immer und überall voller Stolz. Wer möchte da zweifeln an der Schlußfolgerung, die dem Besucher unisono entgegenschallt, die Transparente weiß auf rot sogar schon im Kindergarten verkünden: „Wir sind glücklich.“

Greifbare Beweise für dieses nordkoreanische Glück lassen sich unschwer finden. Jede Familie hat eine kostenlose Wohnung, auf dem Land ein Häuschen traditionellen Stils, in der Stadt eine Wohnung mit mindestens zwei Zimmern. Den ausreichenden Grundstock an Essen und Kleidung braucht man sich nur abzuholen. Erziehung und Bildung liefert der Staat von der Kinderkrippe bis zur Universität zum Nulltarif, ebenso die Krankenvor- und -fürsorge. Die Wörter „Arbeitslosigkeit“ und „Steuern“ sind aus dem nordkoreanischen Wortschatz gestrichen – es gibt sie nicht. Das Paradies auf Erden, die Insel der Glückseligkeit?

Eine Insel allemal, denn die Bewohner der nordkoreanischen Hälfte des Wurmfortsatzes des asiatischen Kontinents leben in selbstgewählter, striktester Isolation vom Rest der Welt, über die der Durchschnittsbürger, wenn überhaupt, nur nebulöse Vorstellungen hat. Zwei Flugzeuge aus Moskau und Peking und zwei Eisenbahnwagen zwischen Peking und Pjöngjang pro Woche mit sorgfältig ausgewählten Fahrgästen sind die einzige Verbindung zwischen hüben und drüben. Einen öffentlichen Reiseverkehr im Land selbst gibt es nicht, Erlaubnis für Verwandtenbesuche und Urlaubsreisen beschert der Staat samt Zugfahrkarte. Gäste und Funktionäre reisen zusätzlich in Staatskarossen und gelegentlich mit dem Flugzeug. Fahrräder sind als Symbol individueller Mobilität in der Hauptstadt verboten und auf dem Land wegen freiwilliger Selbstbeschränkung rar.

Radikaler als in Nord-Korea hat wohl kein Land der Welt die Marxschen Thesen vom Kommunismus in die Wirklichkeit umgesetzt. Jede Spur von Privateigentum ist verschwunden, und „neue werden, im Gegensatz zu China, gewiß in Zukunft nicht auftauchen“, versichert ein hoher Funktionär. Nirgendwo wird das Wort „kollektiv“ so wörtlich genommen, nirgendwo kann man mit Totalitäten wie „alles“, „immer“, „nichts“ so sorglos umgehen: Alle Kinder bis zehn Jahre tragen immer eine Stoffblume im Haar, keine Frau in der Stadt zieht jemals trotz bitterer Kälte eine Hose an, alle unverheirateten, gesunden jungen Leute arbeiten mit an der Errichtung nationaler Prachtbauten, keine junge Frau heiratet vor dem vorgeschriebenen Alter von 25 Jahren, alle Bewohner von Neubauhochhäusern mögen keine Gardinen, kein Mädchen fährt Schlittschuh etc. etc.