Von Klaus-Peter Schmid

Agen, im März Im Gemeindesaal von Sérignac hängen die bunten Papiergirlanden vom letzten Ball noch von der Decke. Etwa hundert Leute haben sich zu später Stunde versammelt, zumeist Bauern mit gegerbten Gesichtern, die den rollenden Akzent des Südwestens sprechen und nicht selten in eine sanfte Knoblauchwolke gehüllt sind. Sie wollen "Monsieur le Ministre" hören. Denn in Sérignac ist Wahlkampf, genau wie anderswo im Land. Am Sonntag wird in Frankreich die Hälfte der Generalräte erneuert, jener Departements-Parlamente, die wenig Kompetenzen haben, aber Subventionen verteilen und deshalb gerade für kleine Landgemeinden oft nicht weniger wichtig sind als der Bürgermeister.

Der Redner des Abends ist Jean François-Poncet. Nach dem Regierungswechsel im Mai hat er zwar seinen Posten an der Spitze des Außenministeriums geräumt, doch in der Provinz (und nicht nur da) wird man ihn für den Rest seines Lebens mit "Herr Minister" ansprechen. In Sérignac ist er besonders wohlgelitten – schließlich wäre ohne sein Zutun das Geld für den nagelneuen Gemeindesaal nie zusammengekommen. JFP, wie ihn seine Vertrauten nennen, ist nämlich nicht nur Mitglied des Generalrats, sondern seit vier Jahren auch sein Präsident – und damit sitzt er auf der Kasse. Zudem standen ihm in Paris bis vor Jahresfrist so ziemlich alle Türen offen, weshalb er seine Klientel bestens bedienen konnte.

Das Problem ist nur, daß sich mittlerweile der Wind gedreht hat. Das Departement Lot-et-Garonne, in dessen "Hauptstadt" Agen der Generalrat residiert, hat seit Juni ausschließlich sozialistische Abgeordnete in der Nationalversammlung, und die Linken tun alles, um ihren Einfluß auch auf den unteren Ebenen zu etablieren. Kein Wunder, daß die bisher unpolitischen Wahlen in den Departements zum Test für die sozialistische Regierung hochgespielt werden. "Wählt sozialistisch, um den Wandel zu festigen", predigt die Sozialistische Partei in ihrem Aufruf auf blau-weiß-rotem Papier. "Die große Politik sollten wir dem Parlament in Paris überlassen", kontert François-Poncet. Seine Zuhörer nicken zustimmend.

Das Wählervolk, jedenfalls rund um Agen, hält es unzweideutig mit den nächstliegenden Problemen. Da ist von der "Bande Halbwüchsiger" die Rede, die den letzten Dorfball stürmte. "Wann wird endlich die zweite Brücke über die Garonne gebaut?", heißt eine der im Departement obligatorischen Fragen. Sieben Milliarden Francs sind eine Menge Geld, gibt der Kandidat JFP zur Antwort (und rechnet dabei selbstverständlich in Alten Francs, die es offiziell seit über 20 Jahren nicht mehr gibt). Von Wasserleitungen ist die Rede, von Telephonanschlüssen und Sportplätzen. "Es ist bestürzend", resümiert eine Stimme aus dem Publikum, "daß die Politisierung bis auf die unterste Ebene betrieben wird."

Anderer Meinung ist da der Konkurrent François-Poncets, der Sozialist Bernard Hugue. Die knapp zwanzig Zuhörer im kleinen Rathaus von Moirax werden erst einmal mit den linken Errungenschaften seit dem Machtwechsel gefüttert. "Solidarität und Fortschritt" heißen die Schlüsselwörter. Doch die Dorfbewohner hören schlecht auf diesem Ohr. Sie sorgen sich um ihre Tante-Emma-Läden, weil demnächst in der Nähe ein neuer Supermarkt gebaut werden soll. Hingebungsvoll diskutieren sie über Bebauungs- und Bewässerungspläne, klagen über die hohe Gewerbesteuer und das reparaturbedürftige Schulhaus im Nachbarort. Die "stille Revolution" des François Mitterrand kümmert sie herzlich wenig.

Hugue, Angestellter bei den staatlichen Elektrizitätswerken, ist Neuling im politischen Geschäft und gesteht von vornherein, daß er dem rednerischen Talent seines konservativen Gegners nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen hat. Er packt ihn an einer anderen Stelle: "Poncet kommt doch nur hierher, um Bänder zu durchschneiden, Medaillen zu überreichen, irgend etwas einzuweihen – wenn es sein muß, sogar drei- und viermal. Und jedesmal steht dann ein großer Artikel in der Zeitung." Ganz zu schweigen von dem lokalen Radiosender Fréquence 47, den sogar die große Le Monde im fernen Paris als "Radio François-Poncet" bezeichnet hat.