Konrad Wolf

Am Anfang war er der Sohn seines Vaters Friedrich Wolf, des Arztes und antifaschistischen Schriftstellers, ehe der als Vater seines berühmten Sohnes galt. 1925 in Württemberg geboren, 1934 in die Sowjetunion emigriert, kehrt Konrad Wolf 1945 nach Deutschland zurück: als Leutnant der Roten Armee und vorübergehend Stadtkommandant von Bernau bei Berlin. Nach einem Filmstudium in Moskau beginnt er 1955 Spielfilme zu drehen, denen insgesamt nicht bloß antifaschistische Gesinnung, sondern auch eine Rigorosität der Form zugrunde liegt. Wie sich schon früh in „Lissy“ zeigte, hat Wolf die Ambivalenzen des politischen Films nicht nur zugelassen, sondern sie als Innenspannung in die Dramaturgie, der Bewußtseinsfindung integriert. „Es gibt Antifaschisten, die kämpfen, und Antifaschisten, die Stühle bauen“, heißt es in „Mama, ich lebe“ (1976). Das meint, daß die Kunst, die praktisch werden will, gleich gut durch entschiedene Formen zu kämpfen hat. Wolf hat Literaturvorlagen von F. C. Weiskopf, Christa Wolf (mit der er nicht verwandt ist), von Feuchtwanger und Friedrich Wolf verfilmt. Neben den strengen Stilübungen standen Alltagskomödien, die der Verfestigung des Denkens spröde, aber beharrlich auf die Schliche kamen. Zuletzt bereitete er eine sechsteilige Serie vor: „Busch singt“, keinen biographischen Versuch über den Sänger Ernst Busen, sondern an Hand von dessen singend kämpfender Existenz eine Ton-Bild-Montage zur deutschen Geschichte. Noch ist ungewiß, wie weit Wolf die Arbeit daran abschließen könnte. Am 7. März starb er nach langer Krankheit, hochgeehrt, mehrfacher Nationalpreisträger und Präsident der Akademie der Künste der DDR, in Berlin.

Monat apart

Wie die meisten Kulturzeitschriften, so kämpft auch der Monat um Leser, das heißt ums Überleben. Leser gewinnt man, indem man besser, also klüger, nachdenklicher, ernsthafter informiert als andere. Das macht Mühe. Leser gewinnt man auch, indem man origineller ist. Das macht zwar keine Mühe, fällt aber mehr auf. Der Monat scheint neuerdings diese zweite Möglichkeit zu favorisieren. Originell ist zum Beispiel das sogenannte „Editorial“ des jüngsten Heftes (1/82). Dort greift der Monat die Debatte über einen Kommentar des Journalisten Ludolf Herrmann auf, eine Debatte, in der eigentlich alles Nötige gesagt worden war. Da jedoch der Monat eine unverlangte Zugabe bringt, muß man leider Ludolf Herrmann das Leid antun, noch einmal zu zitieren, was er damals im vergangenen Oktober, als die Friedensbewegung in Bonn sich versammelte, im Bayerischen Rundfunk geäußert hatte. Was ihm bei den Demonstranten auffiel, war „eine gewisse Schlampigkeit der Kleidung“, „auch die Haltung der Körper, ein leicht vorgeneigter, in gekrümmten Schultern schwingender, unfreier Gang“, und er sah „für Momente der Massenerotik die kleine, rachitische Seele aus dem Gefängnis des pickligen Körpers flattern“. Kein Wunder, daß jemand mit solchen Augen und Gefühlen dabei an Goebbels’ Rede im Sportpalast denken mußte. Herrmanns Kommentar erntete damals, was er verdiente: Protest. Der Monat nun findet, Herrmanns Kritiker hätten sich „dem Rausch kostenloser Ethik hingegeben“. (Muß Ethik was kosten? Oder darf man nicht einfach falsch nennen, was falsch, faschistisch, was faschistisch ist?) Der Monat findet weiter, Herrmann habe zwar „Bedauerliches“ von sich gegeben (o wie bedauerlich!), sei in die Irre geführt worden „von seiner ungewöhnlichen Art, Menschen ins Gesicht zu schauen“ (o wie ungewöhnlich!), dennoch sei ihm Unrecht widerfahren. Der Monat findet schließlich, und das ist nicht nur originell, sondern geradezu apart, in der Kritik an Herrmann melde sich die „Sprachschutzstaffel der Nation“, und er gebraucht Worte wie „Rassenamt für korrekten Journalismus“ und „Sippenhaft“. – Früher, als der Monat noch nicht originell sein wollte, war er liberal. Jetzt ist er weder originell noch liberal, sondern bloß noch wichtigtuerisch.

Proportionen in Portionen

Vielleicht war es der oft zitierte, dann aber immer wieder vergessene „Mensch als Maß“, der die Redaktion der deutschen bauzeitung (db) auf den Einfall brachte, mal darüber nachdenken zu lassen: über das Menschenmaß und das Raummaß, wie es Leonardo da Vinci in seiner berühmten, oft adaptierten Zeichnung dargestellt hat. Sie zeigt einen finster dreinblickenden nackten Mann, der in einem Quadrat und zugleich in einem Kreis steht, so die Proportions-Prinzipien Vitruvs erläuternd. „Sie können“, ruft die db die (doch für Menschen entwerfenden) Architekten auf, „Leonardos Vitruvschen Kanon karikieren, parodieren, transformieren, variieren ...“ – zeichnend, photographierend, malend, jedenfalls mit Phantasie. Einsendeschluß (Postfach 209, Stuttgart 1) ist der 20. März. Es gibt Preise.