Von Marlies Menge

Zirkus im Winterquartier, das ist Zirkus ohne Glamour und Glitter und ohne Publikum. Der Pförtner draußen in Hoppegarten bei Berlin, wo der DDR-Staatszirkus überwintert, gibt mir mürrisch einen Besucherschein. Ordnung muß sein. Berge von Kohlen liegen neben dem matschigen Weg. Am Tag zuvor hat es geregnet. Überall stehen Zirkuswagen herum, auf denen AEROS, BEROLINA oder BUSCH geschrieben steht, die Namen der drei Unternehmen des DDR-Staatszirkus. Die Wagen werden überholt. Den ganzen Sommer waren sie unterwegs. Aeros bis in die tadschikische Sowjet-Republik. Ich weiß nicht mal genau, wo das ist.

Die meisten der reisenden Zirkusleute sind in Urlaub. Sechs Wochen haben sie frei im Jahr, und das immer im Winter. In einem Büro in der Innenstadt, in dem nur Plakate den Besucher an Zirkus erinnern, hatte mir Inge Sakowsky, stellvertretender Direktor des Staatszirkus, die Vorzüge sozialistischer Artistenarbeit gepriesen: Jeder Zirkus hat eine Krippe, einen Kindergarten und eine Schule bis zur vierten Klasse. Von der fünften Klasse an gehen die Zirkuskinder zu Verwandten oder ins Internat. Der Staatszirkus stellt den Artisten Wohnwagen, Ausrüstung und Kostüme zur Verfügung. Ein Klubwagen führt Kantinenbetrieb: Frühstück, Mittag- und Abendessen kosten zusammen drei Mark pro Tag.

Der Staat subventioniert nicht nur hier. Mit dem Eintrittsgeld (zwei bis acht Mark pro Platz) ist ein Zirkus heutzutage kaum zu unterhalten. Der Artist hat Anspruch auf Sozialversicherung und Rente. Und er braucht keine Angst vor Arbeitslosigkeit zu haben. Denn auch Zirkus ist in der DDR geplant.

25 Jungen und Mädchen nimmt die Ost-Berliner Fachschule für Artistik im Jahr auf. Mehr werden nicht gebraucht. Schuldirektor Günter Feller erzählte mir, daß sich Mädchen massenweise bei ihm melden, Jungen kaum. Auch eine Art von Emanzipation. In diesem Jahr hat er 18 Abgänger, aufgeteilt in drei Darbietungen: einen Manegenflugakt, eine Gruppe Kugel-Äquilibristik und eine Gruppe, die Schlappseil-Balancen zeigen wird. Ich hatte mal ein Mädchen im Auto mitgenommen, das auf die Artistikschule ging. Sie war in der Schule gut in Sport gewesen und außerdem wollte sie gern in die große weite Welt.

Fahrendes Volk mit Altersversorgung und Zirkus nach Plan – das hatte ich im Hinterkopf, als ich mit Dietmar Winkler über die aufgeweichten Wege in Hoppegarten stapfte. Auch so ein Zirkus-Fanatiker. Von Beruf ist er Ingenieur, seine Leidenschaft gehört dem Zirkus. Von Jugend an sammelt er mit seiner Frau Bücher zu diesem Thema und schreibt selbst darüber, hat jetzt seinen Traumjob: Öffentlichkeitsarbeit beim Staatszirkus.

In einer Werkstatt steht auf einem Stuhl ein Topf roter Farbe, mit der BÜSCH auf einen Wagen gemalt wird, ein bißchen kleckerig, was Winkler dahin deutet, daß da ein Zeitarbeiter am Werk ist. Zeltarbeiter müssen im Winter auch schon mal mithelfen. In der Tischlerei werden die Zeltbänke überholt. In der Ecke ein Schild: „Gruß den Werktätigen aller Länder zum 1. Mai.“