Von Peter Christ

An Wien haben die dreizehn Ölminister der Opec keine guten Erinnerungen. Im Dezember 1975 überfielen Terroristen die Delegierten und entführten elf Minister. Für ihre Treffen auf europäischem Boden bevorzugen die Opec-Vertreter seither Genf, obwohl ihre Zentrale in Wien residiert. Österreichs Hauptstadt wird anscheinend nur noch zu besonders unangenehmen Anlässen aufgesucht.

Und unangenehm wird es, wenn sich die Opec am 19. März in Wien trifft. Denn seit dem Frühjahr des vergangenen Jahres ist die oft als mächtigstes Kartell der Weltgeschichte bezeichnete Vereinigung von Ölexporteuren in der Defensive. Jetzt scheint den ölverkäufern sogar vollends die Kontrolle über das weltweite Ölgeschäft zu entgleiten.

Seit Wochen bestimmen Ölförderer wie Großbritannien, Norwegen, Mexiko und die Vereinigten Staaten mit ihren Preissenkungen das Geschehen auf dem Weltmarkt für Rohöl. Die Opec erkannte die Zeichen der Zeit zu spät. In völliger Verkennung der Marktkräfte drängte sie Saudi-Arabien noch im vergangenen Herbst zu einer Preiserhöhung um zwei Dollar auf 34 Dollar je Barrel (159 Liter). Da zeigte der Preistrend schon abwärts.

Diese Preiserhöhung sollte die Rückkehr zu einem einheitlichen Opec-Preissystem einläuten, das von Anfang an unterlaufen wurde. Schon im vergangenen Mai konnten die Ölmultis BP, Shell und Gulf dem Scheichtum Kuwait die Rücknahme von Zuschlägen auf den Verkaufspreis abtrotzen. Rabatte unter dem Ladentisch, von einem auf drei Monate verlängerte Zahlungsziele und Tauschgeschäfte mit versteckten Preisnachlässen zeigen seit Monaten, daß die Opec unter Druck steht.

Ihr Präsident Mana al-Oteiba, im Hauptberuf Ölminister der Vereinigten Arabischen Emirate, spricht schon von „der gegenwärtigen Krise auf dem internationalen Ölmarkt“. Die von al-Oteiba ausgemachte Krise ist nichts anderes als eine Krise der Opec. Die Ölverkäufer, die bei jeder Mangellage ihre Fähigkeit gezeigt haben, Preise zu erhöhen, müssen nun beweisen, daß sie ihre hohen Preise auch bei einem Ölüberangebot verteidigen können. Und dafür stehen die Chancen nicht gut.

Vor allem dem Druck Großbritanniens, das die Preise für sein hochwertiges Nordseeöl seit Januar 1981 in mehreren Etappen um insgesamt 8,25 Dollar pro Barrel senkte, mußten auch einige Opec-Länder Tribut zollen. Venezuela kürzte vergangene Woche den Preis für schweres Öl um 2,50 Dollar, und Iran ging allein in den vergangenen Wochen dreimal mit den Preisen herunter. Schon im vergangenen Jahr reduzierten Kuwait, Libyen, Nigeria und Algerien ihre Preise um rund drei Dollar. Auf dem Spotmarkt in Rotterdam ist Rohöl für sechs bis sieben Dollar unter Listenpreis zu haben.