Immer mehr Jugendliche in der DDR suchen ihren eigenen Weg

Von Joachim Nawrocki

West-Berlin, im März

Nicht für das sozialistische Volk bestimmt waren viele Details aus einer Rede, die SED-Generalsekretär Erich Honecker kürzlich vor den Kreissekretären seiner Partei hielt. „Weitere Abschnitte galten der Stärkung der Verteidigungsfähigkeit der DDR sowie den Aufgaben der bewaffneten Kräfte“, enthüllte das SED-Blatt Neues Deutschland; aber was da gesagt wurde, blieb offen. Wird die Wehrpflicht auf zwei Jahre verlängert?

Auch die wirtschaftlichen Sorgen wurden in der Wiedergabe der Rede nur gestreift. Angeblich hat Honecker Kritik an den Leistungen der DDR-Wirtschaft geübt und weitere Preiserhöhungen angekündigt. Ob das stimmt, wird die Zukunft zeigen. Aber ziemlich wörtlich wurde in der SED-Zeitung die Forderung des Parteichefs wiedergegeben, „die Qualität und Effektivität von Agitation und Propaganda zu erhöhen und in ständiger ideologischer Kampfbereitschaft zu sein“. Wie soll das geschehen, wenn alle heiklen Themen ausgespart werden?

Der SED-Führung drückt an vielen Stellen der Schuh: Polen, Militarisierung und Friedensbewegung, eine unruhige Jugend, die unbequeme evangelisch? Kirche, Wirtschaftsprobleme, nicht zuletzt die instabile Situation in Moskau. Die Ersten Sekretäre der Kreisleitungen spüren das zuerst. Sie sind die Frontoffiziere der Partei, nicht so abgehoben von den Regungen des Volkes wie das Politbüro und der Apparat des Zentralkomitees. Auf sie kommt am ehesten zu, was es an Unmut zu spüren, an Wogen zu glätten und unerwünschten Regungen zu widerstehen gilt. Ihnen kann die Parteiführung mit Sprüchen nicht helfen. Die ideologische Arbeit, von Honecker auch als „Herzstück“ der Parteitätigkeit bezeichnet, kann nur so erfolgreich sein wie die Parteiorganisation vor Ort.

Das Kriegsrecht des Generals Jaruzelski ist für die DDR-Führung keine große Erleichterung. Zwar mußte es für die DDR unangenehm sein, eingekeilt zwischen dem ideologischen Gegner im Westen und einem unkalkulierbaren Reformkommunismus im Osten auf die Wirkungen im eigenen Land zu warten. Aber einmal war der SED-Führung sicherlich klar, daß die polnischen Regungen so oder so erstickt würden (wenn auch in ihren Augen zu spät). Und zum anderen hat das polnische Aufbegehren wenig Echo in der DDR gehabt, zumindest bei der älteren Generation. Da in der DDR kaum jemand glaubt, daß durch zivilen Ungehorsam und Streik, durch Druck auf Staat und Partei etwas zum Besseren zu ändern sei, war die polnische Entwicklung nicht nur der SED, sondern auch der Mehrheit der Bevölkerung vorwiegend lästig.