Von Bruno Funk

Das Wirtschaftswunder fand nur in den Statistiken statt. Erst nach Sadats Tod werden die echten Zahlen enthüllt

Ägyptens Regierung steht vor leeren Kassen. Sadats Traum von einer blühenden Wirtschaft am Nil scheint in weite Ferne gerückt. Die optimistischen Zukunftsvisionen des ermordeten Staatspräsidenten und seine These „Frieden ist gleich Wohlstand“ standen offenbar auf einer sehr brüchigen Basis. Eine von seinem Nachfolger Hosni Mubarak eingesetzten Expertenkommission vermutet nämlich, daß Sadat jahrelang entweder seine Wünsche für Fakten hielt oder daß ihm falsche Zahlen über die wirtschaftliche Lage seines Landes vorgelegt wurden.

In der Tat deutet vieles darauf hin, daß die Statistiker ihre Wirtschaftsberichte über Jahre hinweg manipuliert haben, um dem großen Führer eine Freude zu machen. Sadats Minister für Wirtschaft, Finanzen und Handel, Abdel Meguid veröffentlichte über Jahre hinweg Zahlen, die an wirtschaftliche Erfolge und einen Aufschwung in Ägypten glauben ließen. Im Juli 1980 kündigte er sogar den ersten Zahlungsbilanzüberschuß von umgerechnet 1,6 Milliarden Mark an. Damit hielt er einerseits den seit 1980 auch als Ministerpräsidenten regierenden Rais bei Laune und lockte andererseits auch ausländisches Kapital an. Selbst der Vorsitzende der Chase Manhattan Bank, David Rockefeller, glaubte damals noch fest daran, daß die Nil-Republik die wirtschaftliche Krise infolge der beiden Nahost-Kriege von 1967 und 1973 überwunden hätte. Schließlich verzeichnete man kräftige Investitionen, hohe Wachstumsraten und ein deutlich steigendes Einkommen je Kopf der Bevölkerung.

Kenner des Landes mochten diese Zahlen schon lange nicht mehr für bare Münze nehmen. Fachleute in den westlichen Botschaften in Kairo sagen: „Das alte Zahlenwerk haben wir nicht mehr zur Kenntnis genommen.“ Vier Monate nach der Ermordung Sadats hat auch der neue Staatspräsident Mubarak die Konsequenzen gezogen. Im Januar trennte er sich von dem früheren Superminister Meguid und machte den ehemaligen Gouverneur der Notenbank, Abdel Fattah Ibrahim zum Chef seines Wirtschaftskabinetts.

Ibrahim tritt ein schweres Erbe an. Seit dem Tode Sadats hat sich die Wirtschaftslage Ägyptens noch weiter verschlechtert. Das liegt nicht zuletzt daran, daß die Deviseneinnahmen immer spärlicher fließen. Die Zahl der Touristen ist in den letzten Monaten drastisch zurückgegangen. Die ägyptischen „Gastarbeiter“, die ihr Geld in den reichen Golfstaaten verdienen, überweisen ebenfalls weniger Geld nach Kairo. Sie tragen ihre Ersparnisse lieber zu den Banken in Kuwait und Bahrain. Es fehlt ihnen an Vertrauen zur neuen Regierung. Zu allem Überfluß sind auch die Einnahmen aus den Suez-Kanal-Gebühren hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Der Fehlbetrag aus den drei Hauptdevisenquellen – Tourismus, Überweisungen der Gastarbeiter und Kanalgebühren – wird 1982 voraussichtlich um drei Milliarden hinter den Erwartungen zurückbleiben.

Die übrigen Eckdaten der Wirtschaft geben genausowenig Anlaß zu Optimismus. Die Handelsbilanz wies im letzten Jahr ein Defizit von fast sieben Milliarden Mark aus. Die Auslandsverschuldung ist auf knapp vierzig Milliarden Mark angewachsen. Ein Fünftel aller Exporterlöse fließt inzwischen in den Schuldendienst.