Von Gunter Hofmann

Managua, im März

Mit Schadenfreude, ja mit einem Anklang von Triumph in der Stimme, liest Sergio Ramirez, Mitglied der dreiköpfigen Regierungsjunta Nicaraguas, eine Agenturmeldung vor, die ihm während des Gesprächs hereingereicht worden ist. Der Vorfall zeige, sagt Ramirez, „etwas von den Methoden, die gegen unser Land benutzt werden“. Die Meldung handelt davon, daß der 19jährige Nicaraguaner Tardencillas, den das Washingtoner Außenministerium als Kronzeugen und leibhaftigen Beweis für die Einmischung Nicaraguas und Kubas in El Salvador hatte vorführen wollen, sein „Geständnis“ widerrief: nur ein Beispiel dafür, wie gespannt und dramatisch im Moment die Lage in Nicaragua ist – und wie sich die Situation für Zentralamerika vor den Wahlen in El Salvador am 28. März zuspitzt. Alle Seiten sind gereizt und nervös.

In Nicaragua herrschen Ausnahmebedingungen – nicht erst seit Daniel Ortega, der „Koordinator“ an der Regierungsspitze, Anfang dieser Woche für dreißig Tage den Ausnahmezustand erklärt hat. Verständlich ist es, wenn die Sicherheit des Landes subjektiv als bedroht empfunden wird, aber auch objektiv steht viel auf dem Spiel. Den Sandinisten fällt es leicht, die Verhängung des Ausnahmezustands auch noch Washington anzulasten. Daniel Ortega begründet den überraschenden Vorstoß damit, zwei Brücken seien gesprengt worden; und planen nicht die USA nach undementierten Berichten eben solche „Destabilisierungsaktionen“ der CIA?

Objektive Gründe für Nicaraguas Nervosität, die jetzt zum Ausnahmezustand geführt hat, liegen zutage: kriegsähnliche Zustände, die jetzt schon im Norden des Landes an der Grenze zu Honduras herrschen, Argentiniens missionarischer Eifer, ausgerechnet sein Freiheitsverständnis in Mittelamerika militärisch durchzupauken, die Drohpolitik mit den „Optionen“, die sich Washington für diese Region allesamt offenhalten möchte, schließlich die Politik der „selektiven Globalisierung“, wie sie einmal genannt worden ist, was in diesem Fall heißt, daß Washington die Ursachen der Probleme von Nicaragua und El Salvador direkt in Moskau und Kuba sucht.

Über die möglichen Folgen wird in Managua intensiv nachgedacht, zur Zeit eigentlich über nichts anderes. Was bringt die Zukunft? Wer steht im Zweifel dem Land bei? „Unsere wichtigsten Verbündeten im Ernstfall? Das sind die Völker Nicaraguas, Nordamerikas, Westeuropas und der Dritten Welt. Sie sind unsere stärkste Kraft.“ So prophezeit es mit einem Anflug von Ironie und in Anspielung auf die öffentliche Meinung in diesen Ländern Antonio Jarquin, Außenpolitiker der Sandinisten.

„Wenn die Wahlen am 28. März in El Salvador sich als Fehler der USA erweisen, muß jemand zahlen, wir denken, daß wir das sein sollen“, sagt düster Sergio Ramirez voraus.