Von Andrea Fülgraf

Wo Roland sein Horn gar schauerlich erschallen ließ und als treuer Paladin Karls des Großen im Kampf gegen die Basken sein literarisch ewiges Ende fand, am Paß von Roncevalles, da begann unsere Reise eigentlich erst. Gewiß, wir waren schon durch halb Deutschland und Frankreich gefahren, um an die Pyrenäen zu gelangen, aber das war Anreise, ohne Stopp und Besichtigungen, auch ohne große Anteilnahme an der Landschaft. All das wollten wir uns für Spanien und insbesondere für Portugal aufheben. Ziel unserer Reise waren Portugal und die Algarve, aber für die Anfahrt hatten wir fast ebensoviel Zeit eingeplant wie für den Aufenthalt an der Küste, wir wollten das Land wirklich „erfahren“.

Am Fuß der Pyrenäen schwankten wir noch einmal, sollten wir wirklich auf kurvenreichen Nebenstraßen das Sperrgebirge durchfahren, wo wenige Kilometer weiter Autobahnen eine bequeme Überfahrt sicherten? Es blieb dabei, wir wechselten nach alter Automobilistenart von den grünen französischen Bergflanken hinüber auf die steinige spanische Seite, die nur Anwohner duldet, die zum Kampf um das Überleben auf dem kargen Grund bereit sind. Wer sich auf Roncevalles einläßt, der kommt auch nach Pamplona, für uns ein Grund zum Verweilen, obwohl kein Stierkampf anstand. Die belebte Altstadt und das romanische Viertel mit Kathedrale und Museum, mit den zahlreichen Zeugnissen der alten Grafschaft und heutigen Provinz Navarra, des Zentrums der Basken, forderten ihre Zeit.

Das Baskenland läßt seine Besucher nicht teilnahmslos an der Schlacht, den die Autonomiebewegung ETA gegen Madrid entfesselt hat. Überall Parolen, die das „weg von Spanien“ in allen Variationen wiederholen. Doch das Land macht keinen belagerten Eindruck, man begegnet in Pamplona nicht mehr Polizisten als in Barcelona. In Burgos fällt die Präsenz der Uniformierten schon eher ins Auge auf den eleganten Promenaden am Rio Alarzon, aber es ist auch nicht so, daß man die Kathedrale, einen der schönsten gotischen Kirchenbauten Spaniens, unter Polizeischutz besichtigen müßte.

Die schlechten Straßen hinter Palencia schreckten uns nicht, wir fuhren quer durch das Land gen Westen, nach Benavente. Auf dieser Etappe wird der Eindruck des blühenden, kulturgeschichtlich verwurzelten Spaniens gründlich korrigiert. Inmitten unüberschaubarer Getreidefelder, die weder durch Hügel noch Bäume oder Sträucher aufgelockert sind, liegen entsetzlich graue Lehmhüttendörfer. Nicht der geringste Versuch, die Tristesse durch weißen oder farbigen Anstrich, durch Blumen oder durch schmiedeeiserne Gitter zu mildern. Statt dessen viele verfallene oder vom Verfall bedrohte Behausungen, ein unübersehbares Zeichen für die Auswanderungswünsche der Bewohner dieser Region.

Nach Benavente ändert sich die Landschaft, und mit ihr ändern sich die Dörfer. Die gutausgebaute Straße nach Verin führt in ein immer aufregender, immer schroffer werdendes Gebirge. Wer im Juni hier entlangfährt, wird den Farbenrausch nicht vergessen: Die Berge sind ein blühendes Farbenmeer aus weißem oder gelbem Ginster und einer dunkelvioletten Heide.

In Verin drehen wir erst ab nach Süden, dem von einer fruchtbaren, leicht hügeligen Gartenlandschaft gesäumten Rio Tamega folgend. Es ist kaum eine halbe Stunde Fahrzeit bis zur Grenze, keine Straßenbarriere, keine respekteinflößenden Uniformierten. Ungeordnet am Straßenrand einige Personenautos und Lastwagen. Niemand kommt ans Auto, es heißt aussteigen, in dem einen Häuschen den Paß abstempeln lassen, in dem anderen ein Zollformular unterschreiben, Anlaß für den ersten Versuch, die Begrüßung auf Portugiesisch zu erwidern. Die Beamten freuen sich, strahlen, wünschen gute Reise.