Von Jürgen Busche

Kestner-Gesellschaft, Hannover, 1968, man mochte es kaum glauben: dahinschmelzende, weinende, ertrinkende Blondinen, heroische Mannen mit breiten Schultern, sentimentale Romanzen und harte Kämpfe in schroffen Rot-Blau-Gelb-Kontrasten, Picassos und Mondrians im Comic-Stil mit Punkten Punkten Punkten und dicken, schwarzen Linien, kleine Werbezeichnungen, aufgeblasen zu Riesenformaten, Whaaamm! und POW! Die erste große Lichtenstein-Retrospektive lief durch Europa.

Kunsthalle Köln, 1982, samtene Atmosphäre, schwarze Stellwände, effektvolle Beleuchtung, Präzision im Display wie in der Kunst, Rot-Blau-Gelb, ja, aber zurückhaltender, weiter Raum, weite Abstände zwischen den Bildern und Skulpturen, barocke Achsialität, große Formate, Museumsweihe: ein Rückblick auf Lichtensteins Kunst der siebziger Jahre, die bisher in Europa kaum zu sehen war. Ist das noch derselbe Künstler, der uns damals so aufregte, der zusammen mit Andy Warhol wie kein anderer unsere Vorstellung von "Kunst" in Frage stellte?

Schon am Ende der sechziger Jahre wurde in der Distanz deutlicher, daß es bei den riesenhaft aufgeblasenen Romanzen- und Kriegscartoons nicht nur um die Inhalte ging, sondern daß die Gestaltung, daß Komposition und Farbwahl von gleicher Bedeutung waren und Lichtensteins Bilder letztlich wenig mit den kleinen Cartoon-Vorlagen zu tun hatten. Allein den industriellen Charakter ihrer Fertigung wollte er betonen. Fragen der Gestaltung, des Abbildhaften von Kunst hat Lichtenstein dann in den siebziger Jahren, die in der ganzen Kunstszene eine stille Zeit der Rückschau und Reflexion waren, weiter und intensiver verfolgt.

Daß diese neue Bewegung nun in Köln zu sehen ist, erscheint nur sinnvoll: im Museum Ludwig ist Lichtenstein immer präsent gewesen; Peter Ludwig ist Lichtensteins Entwicklung durch kontinuierliche Käufe gefolgt. Die Ausstellung kommt aus St. Louis und wird, nach ihrer amerikanischen Tournee und nach Köln, noch in Florenz, Paris, Madrid und Tokio zu sehen sein. Diese Schau wird also unser Bild von Lichtenstein auf viele Jahre prägen. Für Köln mußte aus Gründen der Kosten und des Transports auf wichtige Arbeiten verzichtet werden; als Ausgleich wurden im Erdgeschoß der Kunsthalle aus der umfangreichen Ludwig-Sammlung Arbeiten der sechziger Jahre hinzugefügt, gewissermaßen zur Erinnerung und Einstimmung.

Mit Kunstwerken, genauer gesagt: mit Reproduktionen von Kunstwerken als Ausgangspunkt für seine Malerei, beschäftigt Lichtenstein sich schon seit den späten vierziger Jahren. Waren es zunächst Vorwürfe wie Leutzes "Washington überschreitet den Delaware" oder ähnliche, millionenfach verbreitete Bilder der amerikanischen Geschichte, so konzentrierte er sich nach 1960 auf die Moderne seit dem Impressionismus auf Picasso, Mondrian und Monet, in den siebziger Jahren auf Matisse und dann im allgemeineren Sinn auf die Stile des Kubismus, Purismus, Surrealismus, Expressionismus, auch auf indianische Kunst und amerikanische Trompe-l’oeil-Malerei des späten 19. Jahrhunderts, und in jüngster Zeit auf den Abstrakten Expressionismus.

Dabei geht es ihm weniger um bestimmte Künstler als um jene typische Vorstellung von einem Stil, die wir entwickeln, wenn das entsprechende Wort fällt. Daneben greift er auf traditionelle, klischeehafte Sujets zurück, wie Stilleben, Interieurs, Porträts, Atelierszenen, lauter überkommene Gattungen, die in der Avantgarde als überholt, als "unmöglich" galten und gelten. Aber auch andere, unerwartete Motive tauchten auf, Bürointerieurs zum Beispiel, vor allem aber Spiegel und Architekturfriese. Die gestalterischen Möglichkeiten wurden erweitert, die Palette auf mehr als ein Dutzend, Farbtöne, und die dicke Balkenlage der Schrägschraffur nahm neben den Rasterpunkten einen breiteren Raum ein; in den "expressionistischen" Werken haben die harten Schräglagen – expressionistischer Holzschnittechnik entsprechend – das Raster verdrängt.