Doch die Attribute des Wohlstands stehen festgemauert in der Erden Von Bernard Dineen

In Sindelfingen lebt es sich satt und zufrieden. Der Luxus allenthalben kann allerdings kaum überraschen – schließlich sorgen hier Mercedes und IBM für den Monatslohn. Die Attribute des Wohlstands stehen fest gemauert in der Erden. Das Schwimmbad kostete die Stadt umgerechnet immerhin sieben Millionen Pfund und könnte jeder Hauptstadt zur Ehre gereichen: In der Halle vier Becken mit unterschiedlicher Wassertemperatur, sechs weitere unter freiem Himmel, dazu eine Sporthalle, die noch mal das gleiche kostete und sogar mit einer Klimaanlage ausgerüstet ist.

Auf der nahe gelegenen Autobahn schnurren morgens und abends an die 50 000 Mercedes-Limousinen in die Firma und wieder nach Hause; das Unternehmen verkauft sie seinen Beschäftigten zum Sonderpreis – ein einschüchternder Anblick.

Auch in Deutschland trifft man Menschen, die rundheraus sagen, all das sei nur Blendwerk. Das deutsche Wirtschaftswunder sei längst vorüber und habe sich auf Nimmerwiedersehen verabschiedet. Die Deutschen seien faul, voller Selbstmitleid und -zweifel. Die ketzerische Frage ‚Sind die Deutschen faul?‘ mag ein Tabu anrühren, erschien aber doch auf dem Titelbild der populärsten deutschen Wochenzeitschrift.

Laut Statistik bringen es die Westdeutschen, zusammen mit Belgiern und Österreichern, auf die niedrigste Arbeitsstundenzahl pro Jahr. Viele deutsche Arbeiter machen fünf bis sechs Wochen bezahlten Urlaub. Und zusätzlich zur normalen Gehaltsfortzahlung während des Urlaubs erhalten die meisten noch ein Urlaubsgeld, das durchschnittlich 40 Prozent eines Monatslohns beträgt. Manager können bis zu acht Wochen Ferien machen.

Ein leichtgläubiger Beobachter könnte auch annehmen, die Bundesrepublik sei ein Opfer unerklärlicher Epidemien. Im Schnitt meldet sich ein Industriearbeiter an 15 Tagen im Jahr krank. Angeblich ist das System des ‚Krankfeierns‘ einzig- artig flexibel und führt daher zu berühmten Aus-Sprüchen wie ‚Diese Woche nehme ich mir meine Grippe’.

Neben der eigenen Erkrankung stehen Eltern jetzt laut Gesetz auch fünf bezahlte freie Tage zu, wenn sie zu Hause für ein krankes Kind zu sorgen haben. Urlaub gibt es auch für ,außerordentliche Ereignisse‘ – nicht nur die Beerdigung der Großmutter, auch die der Schwiegergroßmutter zählt dazu. Dann gibt es noch die großartige Einrichtung der Kur. Zur Rekonvaleszenz reist man in eines der ausgezeichneten deutschen Bader, meist auf Kosten der Krankenversicherung; noch einmal sechs Wochen Ausfall wegen Krankheit, bisher alle zwei Jahre, in Zukunft alle drei Jahre zulässig.