Ernst Albrecht weiß, worauf es ankommt

Von Nina Grunenberg

Wenn nur der schöne Schein entscheidend wäre, müßte Ernst Albrecht, Ministerpräsident von Niedersachsen, der Courths-Mahler-Traum von einem Politiker sein. Unter der diskreten Assistenz von Professor Elisabeth Noelle-Neumann hat er sich mit der Aura eines Mannes umgeben, der weiß, was er will und worauf es ankommt. Seine Politik, so lautet der siegessichere Wahlkampf-Slogan der Union, „gibt Niedersachsen festen Halt“.

Albrecht zögert nicht, sagt man auch über ihn, er handelt lieber. Er robbt sich nicht auf Umwegen an Konsens und Kompromiß heran: Er führt. In seinem Entscheidungswillen läßt er sich von niemandem übertreffen, auch in seiner Konfliktfähigkeit nicht. Er ist standfest und entschlossen, hat ein ungebrochenes Vertrauen in die Welt und ihren Schöpfer und eine Leidenschaft für das Wahre, Gute und Schöne. Die Bilder, die seine Wahlkampfzentrale von seinem häuslichen Leben mit Frau Heide Adele, einer promovierten Germanistin, und den fünf Kindern verbreitet, suggerieren eine heile Welt, eine Vorliebe für die edle Kunst der Hausmusik – Ernst Albrecht spielte Cello – und für Gottes freie Natur.

Ein Bild, zu schön um wahr zu sein? Vor wenigen Monaten ergab eine Emnid-Umfrage, daß Ernst Albrecht in der Bevölkerung mit ungewöhnlich hohen positiven Werten glänzt. Ein Vorbehalt liegt bei der Bewertung dieses Umstandes allerdings nahe: Der niedersächsische Ministerpräsident hat es verstanden, sich von den Irrungen und Wirrungen der Bonner Bühne fernzuhalten. An politischen Kontroversen wie über den Nato-Doppelbeschluß, über Polen oder das deutsch-amerikanische Verhältnis beteiligt er sich kaum. Er ergreift von sich aus auch kein Sachthema, das über Niedersachsen hinaus zu Streit oder Polemik einladen würde, sondern hält sich in Reserve – anders als Helmut Schmidt, Franz Josef Strauß, Willy Brandt, Helmut Kohl, Hans-Dietrich Genscher oder Herbert Wehner, in deren sogenannten Positiv- und Negativwerten sich das Bonner Drama widerspiegelt. Im Vergleich zu ihnen ist Ernst Albrecht eine unbefleckte Jungfrau.

Für die 7,3 Millionen Einwohner von Niedersachsen, dem zweitgrößten Land der Bundesrepublik (nach Bayern und vor Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen), allerdings auch einem der ärmsten und strukturschwächsten, mindert das Albrechts Chancen nicht. Die Zustimmung der Wähler zu seiner Person ist größer als die zu seiner Partei, der CDU. Niemand zweifelt ernstlich daran, daß die Union mit ihm an der Spitze am Sonntag siegen wird. Sogar eine absolute Mehrheit der CDU gilt als nicht unwahrscheinlich.

Blüht der grüne Weizen?