Von Günter Haaf

Lehrt uns der Chopper tatsächlich etwas über die Irrationalität in dieser Welt? Ich halte die Sache schlicht für einen gekonnten, wenn auch überdehnten Streich. Deshalb bin ich auch betroffen über die Beispiele, die Ulrich Greiner angeführt hat, um seine These von der Irrationalität des Rationalen zu begründen – im Zeit-Leitartikel der vorigen Woche. Sind die "zwei Welten" C. P. Snows, die kulturell-geisteswissenschaftliche und die naturwissenschaftlich-technische Welt, schon so weit auseinandergedriftet, daß nicht einmal mehr über den Begriff der Rationalität Einigkeit besteht?

Mit Ulrich Greiner stimme ich überein, daß wir "nicht bloß das Irrationale zu fürchten haben, sondern ebenso die Exzesse der Rationalität". Technokratisches Reduzieren komplexer Sachverhalte auf atomkleine Einzelheiten war schon immer von Übel, wenn es um allgemeine menschliche,. politische Entscheidungen ging. Aber ich halte es nicht nur für falsch, sondern auch für gefährlich, sich einen Popanz aufzubauen, der "Wissenschaft" heißt. Der Hinweis auf – einen – Kulturanthropologen und dessen "übersinnliche" Erlebnisse bei Indianern macht den Punkt nicht stichhaltiger, ebensowenig wie der zitierte "Philosoph und Anarchist" Paul Feyerabend. Der Autoritätsanspruch des Naturwissenschaftlers ist dort gerechtfertigt, wo dieser Antworten geben kann – nämlich jeweils in seinem Spezialgebiet. Der Schamane hat eben nicht ebenso recht wie der Atomphysiker, wenn es um Atomphysik geht.

Das Dilemma unserer "kulturellen Welt" scheint mir in dem zutiefst verwurzelten Unwillen vieler Zeitgenossen zu liegen, sich mit Wissenschaft (genauer: mit Naturwissenschaft im Sinne des angelsächsischen science) ernsthaft zu beschäftigen. Auch das scheint mir bei Ulrich Greiner zum Ausdruck zu kommen. Er pervertiert den Begriff der Wissenschaft, wenn er schreibt: "Weil sie rational ist, verlangt sie Gefolgschaft, und was nicht rational ist, das erklärt sie für irrelevant. Übersinnliches, sagt sie uns, gibt es nicht." Wo, bitte, steht dies – außer in Greiners Artikel?

Die Naturwissenschaft ist ein für jede sachlich begründete Kritik offenes geistiges Gebäude. Mit Vorurteilen läßt es sich in seinen Grundfesten nicht erschüttern. Dennoch sind solche unzutreffenden Wissenschaftsdefinitionen gefährlich. Sie werden begierig von allen aufgegriffen, die simple Lösungen für komplexe Probleme feilbieten. Es ist jedoch schlicht nicht wahr, daß "alles möglich ist" – außer vielleicht in reinen Phantasiewelten.

Viele Intellektuelle der einen, der "kulturellen" Welt wollen sich nicht die Mühe machen, hinter all den technologischen Reizwörtern von Atomkraft bis Gentechnik die vielleicht größte Kulturleistung der Menschheit zu entdecken: die auf naturwissenschaftlicher Methodik basierende Erkenntnisgewinnung. Diese absichtliche Bescheidung auf das Rationale, auf das Meß- und Überprüfbare, auf das logisch Erfaßbare hat inzwischen, über viele Wissenschaftlergenerationen hinweg, ein zweifellos erstaunliches Bild unseres Platzes in dieser Welt ergeben. Kein einigermaßen ernst zu nehmender Naturwissenschaftler wird jedoch behaupten, daß die Welt an den Grenzen seiner Erkenntnisse zu Ende ist, daß alles, was jetzt und heute nicht rational erklärt werden kann, nicht existiert.

Gewiß lassen sich naturwissenschaftlich gewonnene Erkenntnisse – wie auch die zuvor gemachten technischen Endeckungen vom Feuer bis zum Schießpulver – zu jeder erdenklichen Schandtat mißbrauchen. Aber hier müßte eigentlich jene Argumentation einsetzen, die Snows "zwei Welten" verbindet und nur die Probleme einer Menschheit sieht: Wir dürfen uns nicht aus der Verantwortung für uns und unseren Planeten stehlen, nur weil die Schamanen dieser und jener Welt ihren Gefolgschaften mit kurzgeschlossenen Argumenten den Blick fürs Wesentliche trüben.