Auf der Straße singen die Kinder: "Maikäfer flieg / Dein Vater ist im Krieg." Doch der Krieg ist vorbei, die Soldaten sind arbeitslos geworden. Noch weiß niemand, was der Frieden wert ist. Deutschland, 1763.

Das Treppenhaus eines kargen Berliner Hotels, am Geländer das Bild des Königs, mürrisch. Vor drei Zimmertüren stehen hohe, schwarze Männerstiefel, vor der Tür links ein Paar weiße Damenschuhe. Ein Mannskerl, unrasiert, im schwarzen, speckigen Ledermantel, stürmt die Treppe herauf; trampelt, offenbar ohne es zu merken, über die vornehmen Schuhe – dies ist der Major von Teilheim (Roland Schäfer) in "Minna von Barnhelm", in Adolf Dresens erster Inszenierung als Schauspieldirektor in Frankfurt.

Der Krieg ist vorbei. Doch in den Menschen, den Männern auf der Bühne hat er seine Spuren hinterlassen. Sie alle scheinen für das "Lustspiel", das Lessing doch geschrieben hat, wenig geeignet – zu grob ihre Manieren,zu überreizt ihre Nerven für die Sache des Friedens und der Liebe.

Teilheim rennt einen Kleiderständer und eine spanische Wand über den Haufen. Just (Heinrich Giskes), sein Diener, fällt krachend die Treppen hinunter; dem Wachtmeister Werner (Michael Greiling) bleibt beim Gestikulieren gar das Stiegengeländer in der Hand.

Selbst dem Wirt des Gasthofs ist nach Lustspiel kaum zumute: Peter Danzeisen spielt die von ganzen Hundertschaften von Komödianten ausgebeutete Figur sehr anrührend als einen besorgten, bekümmerten Geschäftsmann, der alles andere als ein Lustspielleben führt; dem man ansieht, wieviel Gram ihm seine groben, angeberhaften Soldaten-Gäste bereiten.

"Minna von Barnhelm" ist ein Nachkriegsdrama: das erste (und bis zu den "Räubern" kühnste) Zeitstück des deutschen Theaters. Es war für seinen Autor Lessing auch ein Nachkrisenstück – eine Mutprobe nach schwerer Krankheit. "Es ist Zeit, daß ich wieder in mein Gleiß komme", hatte Lessing an den Vater geschrieben, und an Ramler, den Freund: "Wenn es nicht besser als alle meine bisherigen Stücke wird, so bin ich fest entschlossen, mich mit dem Theater gar nicht mehr abzugeben."

Für das Schauspiel Frankfurt ist Dresens "Minna" auch ein Stück nach Krieg und Krise – nach dem jähen, spektakulären Ende der Episode Minks/Schaaf, nach der Liquidierung des Frankfurter Mitbestimmungsmodells muß Dresen versuchen, auch dies schwerbeschädigte Haus wieder in sein Gleiß zu bringen. Die Krise ist vorbei. Aber noch weiß niemand, was der Frieden wert ist. Ein Anfang jedenfalls ist gemacht, der nicht gleich wie ein Ende aussieht – das ist für Frankfurt schon viel.