Affären, so glauben die Franzosen, gehören zu ihrer Fünften Republik wie die Seine zu Paris. General de Gaulle war in Affären verwickelt, Georges Pompidou hatte damit fertig zu werden, Valéry Giscard d’Estaing stolperte darüber. Und wie könnte es anders sein: Nach dem Machtwechsel suchen sie auch die Linken heim – nicht gleich den Präsidenten persönlich, aber immerhin seine Freunde.

Der Anfang war tragisch, aber unverfänglich, wie in einer Räuberpistole üblich. Am 15. Januar wurde Marcel Francisci ermordet, einer der Drahtzieher der French Connection, und nach deren Ende unter anderem auf das Geschäft mit Spielhöllen spezialisiert. Daß er bei solcher Beschäftigung nicht gerade sozialistische Sympathien hegte, verstand sich von selbst. Und daß nach dem Machtwechsel im vorigen Jahr Innenminister Gaston Defferre seinen Pariser Spielsalon schließen ließ, war auch nicht weiter erstaunlich.

Die Affäre wurde auch erst nach dem Mord an Francisci ruchbar. In einer Westentasche des Toten fand die Polizei eine Kassette mit der Aufzeichnung mehrerer Telephongespräche. Francisci bat darin einen Rechtsanwalt, mit Hilfe eines Kollegen den Innenminister dazu zu bewegen, die Schließung des Spielsalons rückgängig zu machen.

Das wäre weiter nicht tragisch gewesen, wenn nicht die Namen der beiden Männer in der Robe bekannt wären. Der unmittelbar Angesprochene heißt Paul Lombard und ist ein alter Vertrauter des Innenministers, der Mittelsmann heißt Roland Dumas und ist nicht nur Nachbar, sondern auch Freund von Staatspräsident François Mitterrand. Immerhin hielt der Untersuchungsrichter die Sache für so brenzlig, daß er die Kanzleien beider Anwälte durchsuchen ließ.

Lombard und Dumas beteuern, sie seien in der Sache Francisci bei niemandem vorstellig geworden – auch wenn auf dem Tonband konkrete Absichten und ein konkretes Vermittlungshonorar von lumpigen 50 000 Francs erwähnt werden. Schließlich tun zwei Ehrenmänner nicht, was im politischen Geschäft gang und gäbe ist: nämlich aus Beziehungen Kapital schlagen.

Vehement reagierte Innenminister Defferre. Er nahm nicht nur seine Anwaltsfreunde in Schutz, sondern konterte, Gaullistenführer Jacques Chirac sei ein Beschützer und Komplice des „Paten“ Francisci gewesen. Das ist dem Minister schlecht bekommen. Im Eilverfahren wurde er wegen einer Verleumdung zu einer Geldstrafe verurteilt – womit die Angelegenheit nur noch interessanter wurde. Die Franzosen haben jedenfalls ihre erfrischende Affäre.

Klaus-Peter Schmid (Paris)