Von Heim Michaels

Robert Braun, genannt Charly, Betriebsrat in einem westfälischen Werk der chemischen Industrie, erntete brüllendes Gelächter, als er am Montag kurz nach drei Uhr auf das Rednerpult stieg: „Also, Kolleginnen und Kollegen, ich verstehe die Welt nicht mehr. Ich denke der Intercity ist schon unterwegs und hat zwei Stationen passiert. Und nun wollen einige ihn wieder aufhalten. Aber wenn entschieden ist, dann ist doch entschieden.“

Es war ein befreiendes Lachen, das sich an den langen weißgedeckten Tischen im Kongreßsaal des Elzer Hofs in Mainz Bann brach und die Spannung der letzten halben Stunde löste. Schließlich waren es die Westfalen gewesen, deren Tarifkommission im Vorfeld der Diskussion dem Zug überhaupt kein grünes Licht zur Abfahrt geben wollten.

Beschwingt eilte denn auch Horst Mettke, der Tarifexperte im Hauptvorstand der IG Chemie-Papier-Keramik, noch einmal ans Rednerpult und beschwor die Delegierten, den Zug nicht in einem Sackbahnhof landen zu lassen. Er spürte, daß jetzt die richtige Stimmung war, die Zustimmung aller zwölf Tarifkommissionen der chemischen Industrie für den vom Vorstand geplanten Kurs bei den kommenden Lohnverhandlungen zu bekommen.

Auf einen Satz gebracht heißt dieses Konzept: Die IG Chemie will durch Tarifvertrag einen „meßbaren Beitrag der Arbeitnehmer zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit“ leisten. In der Praxis bedeutet das: Die Chemiearbeiter sollen für drei Monate auf eine Lohnerhöhung verzichten und mit diesem Geld einen Fonds bilden, mit dem Arbeitsplätze gesichert werden.

Die Vorgeschichte ist kurz. Vier Wochen vor der Mainzer Versammlung hatte der Vorstand den Vorschlag beschlossen. Das Echo in der Öffentlichkeit war groß und überwiegend freundlich, vor allem weil die IG Metall stur bei ihrer „Brot- und Butter“-Politik geblieben ist; die Arbeigeber wehrten erst einmal ab – „nicht praktikabel“, „zu teuer“.

Die zwölf Tarifkommissionen berieten dann einzeln den Plan, der inzwischen mit dem Stichwort „Tarifrente“ versehen wurde, und stimmten ihm mit Ausnahme Westfalens zu. Nun also sollten die 306 Mitglieder aller Tarifkommissionen gemeinsam die Grundsätze für die Lohnverhandlungen beschließen und den Hauptvorstand ermächtigen, die Verhandlungen zentral zu führen.