Ob ihm die Brauer seinerzeit dankbar waren, ist mehr als fraglich. Aber der Dank der Brauer unserer Tage ist ihm gewiß, dem Wilhelm IV. Herzog von Bayern. Denn ihm verdanken sie das sogenannte Reinheitsgebot. Jener Wilhelm ordnete nämlich am Georgitage 1516 zu Ingolstadt an, daß „zu kainem Pier merer Stückh denn allein Gersten Hopffen un Wasser genommen un gebraucht soell werden“. Damals wie heute war dieser Erlaß, dessen Wirkung längst nicht mehr auf Bayern beschränkt ist, ein Stück Verbraucherschutz. Er schob der Panscherei einen Riegel vor – was die Brauer damals vermutlich gar nicht gern gesehen Haben – und bewahrt sie beim Volksgetränk Nummer eins vor den oft fragwürdigen Segnungen der Lebensmittelchemie.

Was da alles auf den deutschen Biertrinker zukommen könnte, wenn das Reinheitsgebot unter dem Ansturm andersdenkender Brauer in den übrigen EG-Ländern fallen würde, zeigt ein Blick über die Grenzen. Da darf man Maische und Würze, Salz- und Schwefelsäure zusetzen, da kann Gummiarabicum und Ferrosulfat zur Schaumstabilisierung verwendet werden. Da benutzt man Kaliummeta-Bisulfit – was immer das sein mag – zur Konservierung. Sogar von Fischschleim wird gemunkelt, den einige Brauer zusetzen, um ihrem Getränk zu stabiler Schaumbildung zu verhelfen.

Dies alles wird deutschen Kehlen bisher ferngehalten, weil das Reinheitsgebot auch für Importbier gilt. Das Biersteuergesetz, in dem der bayrische Wilhelm bis heute verewigt ist, schreibt in seinem Paragraphen Neun nämlich nicht nur vor, daß zur „Bereitung von untergärigem Bier nur Gerstenmalz, Hopfen, Hefe und Wasser“ verwendet werden dürfen. Es postuliert in Paragraph Zehn auch, daß nur die nach den Vorschriften des Paragraph Neun gebrauten Biere zum Verkehr zugelassen sind. Und das schützt zwar die Verbraucher davor, macht aber den Brauern jenseits der deutschen Grenzen Kopfschmerzen. Sie haben zu Hause kein Reinheitsgebot und stehen deshalb vor der Alternative, entweder auf den deutschen Markt zu verzichten oder aber einen speziellen Sud für die Bundesrepublik zu bereiten.

Aus diesem Dilemma will sie nun die Europäische Kommission in Brüssel befreien. Ihr ist die importfeindliche Wirkung des deutschen Reinheitsgebots seit langem ein Dorn im Auge. Sie sieht darin ein unzulässiges Hemmnis bei der Einfuhr und hat deshalb ein Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet. Das letzte Wort wird wohl der Europäische Gerichtshof haben, denn daß der zuständige Ministerrat mit deutscher Stimme eine entsprechende Richtlinie der Kommission einhellig absegnen würde, ist so gut wie ausgeschlossen.

Erst in der vergangenen Woche stellte sich der Bundestagsausschuß für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten entschlossen vor das Reinheitsgebot: „Der Ausschuß fordert die Bundesregierung erneut auf, mit allen zu Gebote stehenden Mitteln sowohl in Brüssel wie auch gegebenenfalls vor dem Europäischen Gerichtshof das Reinheitsgebot mit dem Ziel zu verteidigen, daß nur diesem Gebot entsprechende Biere in der Bundesrepublik Deutschland weiter verkehrsfähig sind.“

Auf den Europäischen Gerichtshof in Luxemburg sollten die Abgeordneten allerdings besser keine allzu große Hoffnung setzen, denn er hat sich vor drei Jahren mit einem Urteil in einer ähnlichen Sache schon ein bißchen präjudiziert. Damals entschied er sinngemäß: Was in einem Staat der EG verkehrsfähig ist, darf auch in allen anderen Ländern der Gemeinschaft verkauft werden.

Es ging um den „Cassis de Dijon“, jenen französischen Johannisbeerlikör, den der frühere Bürgermeister Kir mit weißem Burgunder aufgoß und so das nach ihm benannte und auch bei uns beliebte Getränk schuf. Dem freien Verkehr des Cassis stand in der Bundesrepublik allerdings nicht das Reinheitsgebot im Wege, es ging vielmehr um Alkoholprozente.