Ein Ort „auf der Sonnenterrasse des Südschwarzwaldes“ stößt an die Grenzen des Wachstums

Von Hanno Kiihnert

Uunsere Lage ist einmalig!“ So tönt der Prospekt für „das Feriengebiet im südlichsten Schwarzwald“. „Schwarzwaldwinter! In Herrischried ist er noch ein Wintermärchen. Schlittenfahrten oder Spaziergänge auf gebahnten, sonnigen Wegen ... In zunehmendem Maße gewinnt der Hotzenwald auch als gern besuchtes Wintersportgebiet an Bedeutung“, schreibt der „Ferienführer“ und preist die vier Skilifte von Herrischried an, „davon drei mit Flutlicht“. „Längster Lift des Schwarzwaldes“, „Eissporthalle (30 mal 60 Meter), Langlaufloipen, Skischulen“. Und für den Sommer: „Hallenbad, Tennisplätze, Kinderspielplatz, Rasenschach, Wassertretstelle, Freizeitsee, Spielautomaten ... Tischtennis, Angelmöglichkeiten“.

Kaum ein Prospekt vergißt, die „erholsame Ruhe“ und das „heilkräftige Klima“ auf der „Sonnenterrasse des Südschwarzwaldes“ zu erwähnen, und so kann auch der Leiter des Verkehrsamtes von Herrischried, Winfried Zumkeller, für das Jahr 1980 stolz 119 040 Übernachtungen vorweisen. Im Jahr 1981 übernachteten die Gäste sogar 130 000mal in dem etwa 900 Meter hoch gelegenen Schwarzwalddorf, seit 1974 eine Großgemeinde mit sechs weiteren Ortsteilen, die malerisch zwischen dem finstren Tann und den Schneemauer verstreut sind.

Malerisch? Seit knapp zwei Jahren ist die Fremdenverkehrsherrlichkeit des Hotzenwalddorfes Herrischried angekratzt. Eine Gruppe von Bürgern und Bewohnern des Ortes findet die Ruhe nicht mehr so erholsam, das Klima nicht mehr so heilkräftig und die Sonnenterrasse zunehmend verschandelt. Erbost gründeten sie im Februar 1981 einen Heimatschutzverein. Der ging lauthals an die Öffentlichkeit, prangerte „Bauwut“ und „Landschaftszerstörung“ an, schimpfte über „Rummel“, Großbauten und „gewollten, gekünstelten Fremdenverkehrszirkus“. Die Mitglieder des neuen Vereins warfen dem Bürgermeister Horst Schmidgall und dem Gemeinderat vor, diese hätten in Neubaugebieten nur Zweitwohnungssilos und „Rolladenwohnungen“ bauen lassen; die Wohnungsbaugesellschaften bauten zu große und zu plumpe Häuser. Bürgermeister und Gemeinde dächten nur ans Geld. Die Bewahrung der Landschaft sei ihnen gleichgültig.

In der Tat: Das früher bitterarme Hotzenwaldland hat sich innerhalb von zehn Jahren gründlich geändert. Hilfe aus Stuttgart und clevere junge Bürgermeister kurbelten den Wohlstand an. Fremdenverkehr war das Rezept. In Herrischried, einer spätalemannischen Streusiedlung von Vieh- und Waldbauern, die meist in die Täler zum Arbeiten fuhren, entstanden mehrere neue Wohngebiete, einige dicke Apartmenthäuser und Wohnungsklötze, die sichtlich nicht mit der Landschaft harmonieren. Eine überdimensionale Eissporthalle wurde in einem ökologisch wichtigen Sumpfgebiet errichtet und wird „abends sogar nach St. Pauli-Art erleuchtet“. Wohnungsbaugesellschaften haben Sich des Geschäfts angenommen; einige Bauern freuten sich kurzsichtig des guten Grundstücksverkaufs; die Gemeindekasse klingelte. Viele von den Betreibern lukrativer Skilifte sitzen im Gemeinderat und spüren durchaus den Fortschritt, den sie bewerkstelligt haben, auf ihren Konten.

Früher ein Notstandsgebiet