ZDF, Mittwoch, 10. März: „Leben nach dem Überleben“, Porträts von Überlebenden des Holocaust. Film von Erwin Leiser.

Was denkt ein Mensch, der in der Hölle war? Was denken die Kinder eines solchen Menschen? Was bedeutet es, den Satz aussprechen zu müssen: „Meine Eltern sind in der Hölle gewesen?“ Träume, Hoffnungen, Ängste vierzig Jahre nach Auschwitz: Darum ging es in Erwin Leisers Film. In Israel, den Niederlanden, Schweden und den Vereinigten Staaten legten einzelne, die in persönlicher Rede gleichwohl für ein Kollektiv sprachen, Zeugnis ab: Was es bedeutet, Eltern zu haben, die als Gezeichnete gleichsam sakrosankt sind – Wut auf den Vater, der überlebt hat? Unmöglich. Was es heißt für eine Frau, ein Kind zu haben, dessen Tanten, Onkel, Großväter, Cousinen allesamt ermordet worden sind – ein Kind, dessen Mutter also zugleich zehn und siebzig Jahre alt sein muß. Wozu es führt, wenn sich einer, dank der Erwartungshaltung der anderen, immer als Opfer zu präsentieren hat – einer, der seine Rolle leid ist und dann, an Sein Schicksal gekettet, ob er will oder nicht, in einem Umkehrakt plötzlich den vervegenen Täter herauskehrt. Was das für Folgen hat: im Grunde nur mit seinesgleichen reden zu können, den Menschen, die auch in der Hölle waren – denen also, die als einzige gemeinschaftsfähig sind.

Ein Film, voll von überraschenden Wendungen: Nein, so hatte man sich das oft beschriebene Trauma nicht vorgestellt: daß einer nach Israel übersiedeln muß, um zu erfahren, daß Judesein Alltäglichkeit bedeuten kann; daß eine Frau über Jahrzehnte hinweg eine Handtasche in Sichtweite vor sich hinstellt, die ihre ganze Habe, besser: ganze Existenz enthält – Photographien von Ermordeten und ein Bild, auf dem ein Leichenberg zu sehen ist. Der Auschwitz-Paß, Pendant zur Nummer auf dem Arm.

Die Hölle, beschrieben aus zweierlei Perspektive: Die Sichtweise von Überlebenden, die nur ein einziges Engagement kennen, die Erinnerung unter den Mitinsassen (ansonsten: „Ich habe keine Gefühle mehr. Wenn Sie einen Herzanfall bekämen, so täte mir’s leid und ich würde einen Arzt holen. Mehr nicht.“) und die Betrachtungsart der Nachgeborenen: „Ich bin eine Scherbe von einem Teller, und ich weiß, daß diese kleine Scherbe für den Teller stehen muß. Das hat man mir aufgebürdet, und damit muß ich nun leben.“

Ich werde das nicht vergessen, wie eine Frau sagte: „Wenn ich in die U-Bahn einsteige, ist es immer noch die Bahn, die mich nach Auschwitz bringt“, und wie eine andere, eine alte Holländerin, erzählte, daß sie vor wenigen Jahren, um sich vom Erinnerungszwang zu befreien, noch einmal ins Vernichtungslager gefahren sei, zu ihrer Pritsche von damals – vergebens, da die Träume danach schrecklicher waren als vorher.

Aber so bewegend dies alles war – am signifikantesten erschien mir doch – auf diese Pointe zielte der Film ab –, wie Auschwitz in den Nachgeborenen weiterwirkt: wie sie nicht frei, nur sie selbst sein können, sondern, in einer Art von Ausschließlichkeitsbezug, an die Eltern gekettet bleiben und an die Freunde der Eltern, die sie, die Kinder bleiben müssen, zeitlebens aus der Perspektive von 1944 ansprechen: Du gehörst ja zu uns.

Kinder und Eltern, miteinander verbunden und durch die Intensität dieser Beziehung, abgetrennt von allen anderen – dies war das Thema eines Films, der, abgesehen von einigen gar zu malerischen Bildern (ein rotbekleidetes Mädchen auf schwedischem Fels) nur einen einzigen Fehler hatte: Während die Zeugen in drei der vier Szenen, von keinem Interviewer unterbrochen, das Gestern im Heute beschworen, wurden sie in einer, der niederländischen, Episode von einer Frau, die sie duzte, befragt – und diese Fragen hätten wegfallen müssen, da der Tenor des Films eben dem gewöhnlichen „Nun erzähl doch mal“ radikal widersprach. Wo, in plastischer Rede, „es“: das bis ins dritte und vierte Glied weiterwirkende Verstoßensein evoziert wird, ist eine Dimension erreicht, die das Frage-Antwort-Schema von vornherein aufhebt. Momos