Die Goethe-Jubiläen hatten immer sehr unterschiedlichen Charakter, je nachdem, wie die Zeit war, so 1849, 1899 und 1932. Von besonderer Art war Goethes 200. Geburtstag im Jahre 1949. Ein furchtbarer, langer Krieg war vorangegangen, und nicht nur dies, eine Zeit, welche zahlloses Unrecht und Leiden gebracht und die Deutschen überall verächtlich gemacht hatte. Alle internationalen Kontakte waren abgebrochen. Als Wissenschaftler empfand man das besonders stark. Man knüpfte in der Arbeit an das an, was vor 1933 gewesen war, doch die Bibliotheken waren ausgebombt oder hatten – wie die Staatsbibliothek Hamburg – ihre Bestände großenteils noch in Bunkern liegen, weil keine intakten Gebäude vorhanden waren. Von dem, was die Wissenschaft im Ausland leistete, erfuhr man nichts.

Die Wochenzeitung DIE ZEIT, die es seit 1946 gibt, verabredete mit mir einen Artikel zu Goethes 200. Geburtstag am 28. August. Dieser Artikel ging nicht von der Zeitsituation aus, sondern nur davon, was Goethe als Urphänomene des Lebens ansah, und da ergaben sich vier Bereiche, die er immer wieder geschildert hat: Natur – Idee – Tätigkeit – Liebe. Die Natur als Kosmos, das heißt Ordnung und Schönheit, die es nicht nur zu erforschen, sondern auch zu erleben gilt und hinter der er den ordnenden Weltgeist empfand. Immer wieder, wenn er von der Natur gesprochen hat, fügt er an, daß nun die Wendung ins Innere des Menschen folgen müsse, der Gedanke an das Sittliche im Menschen, das Gewissen, das aber nichts Subjektives ist, sondern mit einer sittlichen Weltordnung zusammenhängt. Darum schätzte er Kants Wort von „dem gestirnten Himmel über mir und dem moralischen Gesetz in mir“ so sehr. Dieses „moralische Gesetz“ ist eine Idee, die der Mensch in seinem Innern findet. Doch die Idee verlangt Verwirklichung. Der Mensch steht im Leben, und Goethe hat immer wieder tätige Menschen geschildert. Sie können irren, aber auch wieder sich korrigieren. Aber die Tätigkeit und die Idee sind noch nicht das letzte. Dies ist vielmehr die Liebe, wie sie der Schluß des „Faust II“ schildert. Goethes Werk ist einzigartig durch die Vielgestaltigkeit der Liebe, und immer gibt es in ihr die Möglichkeit der Vergeistigung bis in den religiösen Bereich hinein.

Dieser Aufsatz erschien zu Goethes Geburtstag, und kurz danach fuhr ich zu einem Goethe-Colloquium nach London. Die englischen Germanisten hatten es, allen Schwierigkeiten trotzend, als erstes seiner Art nach dem Kriege, zustande gebracht. Es bestand nur aus geladenen Gästen. Nicht lange davor, am 23. Mai 1949, war die Bundesrepublik Deutschland gegründet. Einen Ausweis, der international galt, gab es in ihr noch nicht. Ich bekam einen für kurze Zeit geltenden britischen Ausweis und wurde in einem britischen Militärzug befördert, der von Hamburg über Hannover und Bad Oeynhausen nach Hoek van Holland fuhr. In London wohnten wir im Westfield College, ein kleiner Kreis von Gelehrten, Engländer, Franzosen, Schweizer, Niederländer, Amerikaner, nur wenige Deutsche waren dabei. In Deutschland hatte man damals jedem Ausländer gegenüber das Gefühl, man gehöre zu dem Volk, das Millionen von Menschen umgebracht hatte, so daß jeder einzelne sich nun mit tiefstem Mißtrauen angesehen fühlte. In London war alles anders. Die Gastgeber wußten über die, welche sie eingeladen hatten, genau Bescheid. Sie sprachen kollegiales war Wissenschaft, ähnlich wie vor 1933, und Goethe stand im Mittelpunkt. Seine Ausstrahlung wurde deutlich über die Nation hinweg. Die verfeinerten Methoden der neuen Interpretation hatten sich allen Abgrenzungen zum Trotz in den verschiedenen Ländern sehr ähnlich entwickelt.

Wir waren bei der Ankunft einander fast alle fremd, kannten nur die Namen. Das Erstaunliche war, daß wir schon nach zwei Tagen uns wissenschaftlich und menschlich ganz nahe gekommen waren. Die Engländer sorgten für lange Pausen zwischen den Referaten und Diskussionen, denn diese Pausen dienten den Gesprächen.

An einem sonnigen Nachmittag war ich im Garten des Colleges im Gespräch mit dem Londoner Goethekenner Professor Willoughby und dem französischen Germanisten Albert Fuchs, der sich seit seiner Jugend besonders mit Goethe beschäftigt hatte. Fuchs erzählte uns, daß er im Kriege von der deutschen Gestapo verhaftet und in ein KZ gebracht worden war. Nach und nach wurden seine Leidensgenossen vergast, und er mußte mit dem gleichen Schicksal rechnen. Fuchs schilderte, daß er auch in dieser Situation, von Deutschen gequält, in Goethe seinen geistigen Leitstern sah. Er sagte: „Ich meditierte über Goethe, nicht als Gelehrter, sondern als Mensch, der sich an ihm gebildet hatte. Ich fragte mich: In welchen Bereichen hat Goethe mich bereichert und das, was in mir ist, gesteigert? Und ich faßte die Antwort in drei Worten zusammen: L’amour, l’action, l’idée.“ Willoughby nickte nachdenklich und freundlich mit seinem weißhaarigen Kopf und sagte nach einer Pause: „Die Liebe – die Tat – die Idee. Genau auf das würde auch ich kommen, doch ich würde noch die Natur hinzufügen.“ Fuchs dachte nach und fragte mich: „Und was sagen Sie dazu?“ Bei mir bedurfte es kaum der Worte. Ich hatte ein Exemplar meines Jubiläumsaufsatzes aus der ZEIT mitgenommen, das zog ich jetzt aus meiner Büchertasche und zeigte es beiden. Da war der Abschnitt über Natur – Idee – Tätigkeit – Liebe, und er endete mit dem Satz: „Die uns gegebene Natur Gleichnis höchster kosmischer Ordnung, unser Gewissen Abglanz der sittlichen Weltidee, unsere Tätigkeit Bewegung im Rhythmus des Alls, und die Liebe Symbol religiösen Weges.“

Wir hatten alle drei fast genau die gleichen Bereiche von Goethes Weltdeutung ins Auge gefaßt, nicht als Gelehrte, sondern als Menschen, die durch diesen großen Deuter der Welt etwas für ihr eigenes Dasein lernten. Wir kamen aus drei verschiedenen Ländern, ein sinnloser Krieg hatte uns auf verschiedene Fronten verteilt, und nun sahen wir bei uns die gleiche Fragestellung und die gleiche Liebe zu Goethe. Es war in London, und ein Franzose, den ein glückliches Schicksal im letzten Augenblick gerettet hatte, fand das entscheidende Wort. Wir kannten alle drei unseren Goethe so gut, daß wir wußten: er nannte dergleichen einen „prägnanten Augenblick“ oder eine „symbolische Situation“. Seine Weisheit war ein Vermächtnis an die Welt. Fuchs hatte ausgesprochen, daß es sich auch in der extremsten Situation bewähren könne. Und indem wir zu fast der gleichen Formulierung kamen, wurde uns unsere Gemeinsamkeit deutlich, verbunden mit dem Gefühl, daß eine schreckliche Zeit beendet sei.

Professor Erich Trunz ist Herausgeber der „Hamburger Goethe Ausgabe“, die 1949 im Christian Wegner Verlag begonnen wurde, und die jetzt vom C. H. Beck Verlag, München, betreut wird.