Das Problem der Wiedervereinigung und die Pflicht zum Frieden

Von Egon Bahr

Mit der eigenen Identität hatten die Deutschen schon immer Schwierigkeiten. Heinemann hat vom schwierigen Vaterland gesprochen.

Mit der Katastrophe des Jahres 1945 war es klar, daß man sich abblendete von der "Nation", sie leugnete, sie verleugnete, sie verdrängte und in der ersten Nachkriegsphase in den scheinbar rettenden Hafen Europa flüchtete. In der zweiten Nachkriegsphase, also nach 1949 – unmittelbar mit dem Beginn der begrenzten eigenstaatlichen Selbstbestimmung – hat die CDU, und nicht nur die CDU, die Vorstellung gehabt, unser eigentliches Ziel sei es, in einem integrierten Europa, in einer bundesstaatlichen Einheit Europas, sprich Westeuropas, aufzugehen. "Nation Europa", so war damals das Schlagwort, und das ist schon ein Widerspruch in sich, denn es gibt nur viele Nationen, die in Europa ihren Platz finden können, aber es gibt nicht eine Nation Europa, keinen – wie nennt man das in Amerika? – Melting Pot. Diese Position lag deshalb so nahe, weil man hoffte, damit psychologisch die Belastungen der Nation, die dunkle Geschichte der jüngsten Vergangenheit loswerden zu können.

Wir haben also diesen "national-europäischen" Anlauf genommen und festgestellt, es geht nicht. Wir haben später immer wieder über die Frage der Nation gesprochen. Zum Beispiel bei den Diskussionen über den Generalvertrag, den Deutschlandvertrag, haben wir uns im Zusammenhang mit dem Artikel 7.3. gefragt: geht die Bundesrepublik eine westliche Bindung unter der Voraussetzung ein, daß sie endgültig ist oder muß diese Bindung auch wieder in Frage gestellt werden können für den Fall, daß ein wiedervereinigtes Deutschland sich anders entscheiden will? Die heftigen Diskussionen, die wir damals führten, hatten zum Ergebnis, daß die Souveränität eines gesamtdeutschen Parlaments nicht in Frage gestellt werden darf. Adenauer hatte das vergessen. Aber es hat, sowohl auf Seiten der CDU, aber noch stärker auf Seiten der FDP und der SPD, Kräfte gegeben, die es sogar für verfassungswidrig hielten, wenn nicht die Möglichkeit einer freien Entscheidung eines gesamtdeutschen Souveräns in den Vertrag eingebaut worden wäre.

Wir haben danach wieder eine leidenschaftliche Debatte gehabt im Zusammenhang mit den Ostverträgen, wo sich wiederum die Frage stellte, ob diese Ostverträge nicht den Weg zur Nation versperrten.

Heute kann man sehen, daß die Diskussion durch die Ostverträge nicht abgebrochen, sondern eher schärfer und härter geworden ist, und von einer neuen Generation, die aufgewachsen ist in einem Mangel an Geschichtsbewußtsein, neu gestellt wird.