Von Wolfgang Gast

Das Heer sammelte sich in Vernica. König Gunter hatte gerufen, und tausend kamen, rasche Mannen mit guter Rüstung und reisigem Roß. Am Morgen nach Vollmond brach man auf: Die Wahl des Zeitpunkts sollte dem Unternehmen Glück bringen. Zwei Tage brauchte der Zug bis an den Rhein; dorthin, wo am anderen Ufer das Flüßchen Düna mündete. Die Überfahrt gelang leidlich, in der nahen Burg Bakalar fanden die Recken ein Nachtquartier. Tags darauf zogen sie weiter, zuerst die Düna entlang, später in Richtung Nordost.

Unweit der Feste Thorta begrüßt ein Bote Attalas die Reisenden. Die Schar erreicht Susa(t), den Königshof der Hünen. Der Empfang ist festlich, noch waltet Freundschaft. Schlimme Absichten gibt es indessen auf beiden Seiten. Die Gäste lauern auf eine Gelegenheit, König Attalas Land in ihre Gewalt zu bringen. Nicht minder tückisch ist der Plan Grimhilds, der Königin; sie ließ die Gäste, ihre Verwandten, nur anreisen, um Rache an ihnen zu nehmen, weil sie ihr den ersten Gemahl erschlagen hatten.

Beim großen Bankett im Garten bringt Grimhild ihren reizbaren Halbbruder Hagen in Wut; mit einem Kindermord – Hagen köpft das Söhnchen der Gastgeber – bricht der Krieg aus. Zwei Tage dauern die Kämpfe, keiner der Besucher überlebt. Die Anstifterin Grimhild fällt, auf Attalas Weisung, von der Hand des Herrn Didrik von Bern. Der todwunde Hagen freilich hat mit letzter Kraft einen Sohn gezeugt. Dieser, der junge Aldrian, wird einst an Attala Rache nehmen, dann westwärts ziehen und König werden im Niflungenland.

Dichtung und Wahrheit

Wer sein Nibelungenlied kennt, entdeckt es sogar in dieser Erzählung wieder. Doch in Wahrheit sei alles anders gewesen. Von Worms aus habe Gunter die Nibelungen-Burgunden zur Donau und stromabwärts ins Hunnenland geführt, 10 000 Mann. Im fernen Ungarn, an Attilas = Etzels Hof sei allerdings das stolze Heer der Rache Kriemhilts zum Opfer gefallen – ohne eine Chance für Hagen, den Stamm fortzupflanzen!

In Wahrheit? Ganz sicher kann man einer Sache nie sein bei alten maeren, in denen Wunders vil geseit ist. Als solche Mär stellt das Nibelungenlied sich selbst vor. Außerdem sind hier zwei Arten von Wahrheit zu trennen. Bei der einen geht es um den wahren, das heißt ursprünglichen Text, bei der anderen um Fakten, von denen das Epos möglicherweise handelt.