Wie die Schweiz ihren guten Ruf als Asylland verspielte: Das traurige Los deutscher Emigranten /

Von Markus Imhoof

Der Vorsteher des Außendepartements, Bundesrat Motta, rief Thomas Mann 1933, bei seiner Ankunft in der Schweiz, an, um sich persönlich zu erkundigen, ob er gut untergebracht sei. „Die Schweiz als Zufluchtsort Vertriebener, das ist unsere Tradition. Das ist nicht nur unser Dank an die Welt für den jahrhundertelangen Frieden, sondern auch besonderes Anerkennen der großen Werte, die uns der heimatlose Flüchtling von jeher gebracht hat“ (Schweizerische Landesausstellung, 1939).

Für einen Flüchtling ohne Nobelpreis sah das dann allerdings anders aus: „In der heutigen Kriegszeit, in der auch unser Land in gewissem Sinne um seine Existenz kämpfen muß, darf man nicht zimperlich sein. Wir haben deshalb ohne Bedenken Rückstellung von Flüchtlingen anzuordnen, denen im Herkunftsland mehr oder weniger schwere Nachteile drohen“ (Bericht der Eidgenössischen Polizeiabteilung an den Bundesrat, Juni 1942).

„Alle illegal eingereisten Ausländer sind ohne weiteres zurückzuweisen“, lautete seit Kriegsbeginn der Befehl des Bundesrates. Ausgenommen davon waren nur Deserteure und politische Flüchtlinge, sofern sie diesen Status nachweisen konnten. Am 13. August 1942 wurden die Schweizer Grenzen überhaupt geschlossen. Unter dem Druck der empörten Hilfsorganisationen erfolgte eine zeitweilige Lockerung, welche aber teilweise schon im September und einschneidender im Dezember rückgängig gemacht wurde.

„Wir Schweizer Künstler und Intellektuellen beginnen uns mehr und mehr der rohen Gewalt zu schämen, mit welcher unsere Kanzleien und Gendarmerien wahllos gegen verdiente und von uns hochgeschätzte Kollegen vorgehen“, schrieb 1938 Hermann Hesse, seit 1921 Schweizer Bürger, an die Fremdenpolizei. Viele Emigranten fanden bei ihm in Montagnola eine vorübergehende Unterkunft und nahmen seinen Rat und seine Fürbitte bei den Behörden in Anspruch, so sehr, „daß ich seit Monaten niemals mehr an meine eigene literarische Arbeit habe denken können“. Dr. Rothmund, der Chef der Eidgenössischen Polizeiabteilung, verbat sich aber solche Kritik von einem, der ja selber ein halber Ausländer sei: „Ich nehme es dem sensiblen Dichter auch nicht übel, wenn er Mühe hat, die Tätigkeit der Fremdenpolizei zu verstehen. Übelnehmen muß ich es aber dem Hermann Hesse, wenn er Beamte seiner Wahlheimat mit Ausdrücken bedenkt, die auf gewisse Leute seiner früheren Heimat passen mögen, bei uns aber Fremdwörter sind.“

Aber nicht nur Beamte oder eine herzlose Regierung vertraten diese Flüchtlingspolitik – wie man heute in der Schweiz oft zu behaupten versucht –, sie wurde möglich gemacht durch ein breites Einverständnis in der Bevölkerung: mit Ausnahme der Sozialdemokraten – der zweitgrößten Partei, aber bis Ende 1943 in der Exekutive nicht vertreten – und ein paar mutiger einzelner aus dem bürgerlichen Lager wurde sie von allen Parteien ausdrücklich und aktiv unterstützt.