Von Rainer Ruther

Duderstadt

Das Polit-Stück, das in den letzten Wochen in Südniedersachsen Premiere hatte, kann mit Fug und Recht ein klassisches Drama genannt werden.

1. Akt – Exposition: In Duderstadt erklärt der beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) angestellte Ortssekretär Michael Schmelich seinen Austritt aus der CDU, der er fast zehn Jahre lang angehört hat. Damit scheidet er auch aus der Jugendorganisation der „Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft“ (CDA) aus, deren Vorsitzender er seit 1975 war. Schmelich tritt zu den „Grünen“ über und wird Direktkandidat dieser Partei für die Landtags wählen am 21. März im Wahlkreis Duderstadt/Herzberg. Er erhält auch einen Platz auf der Landesliste, der ihm schon bei einem Ergebnis der Grünen von fünf Prozent den Einzug ins niedersächsische Parlament sichert. Nach Meinungsumfragen wird die Partei im Land weitaus mehr Stimmen bekommen.

2. Akt – Aufbau des Konflikts: Das Ortskartell des DGB, in dem die Vertreter der einzelnen Industriegewerkschaften und die Gewerkschaftsjugend sitzen, verurteilt auf einer Sitzung die Kandidatur Schmelichs mit 7:5 Stimmen. Die einen sehen durch Schmelichs Arbeit als Abgeordneter die Betreuung der Basis gefährdet. Für zwei Ämter werde er kaum genug Zeit finden. Zudem habe er im Grunde auch keinen Anspruch auf den Funktionärsposten mehr. Denn Schmelich verdankt seinen Job im mehrheitlich SPD-orientierten DGB seiner früheren Mitgliedschaft in CDU und CDA. Auf Empfehlung dieser beiden Gruppen war er 1976 für den Duderstädter Posten nominiert worden. Die Stadt, im erzkatholischen Eichsfeld nahe der Grenze zur DDR gelegen, ist seit der Gründung des Gewerkschaftsbundes eine der letzten Bastionen christlich-sozialer Positionen im DGB. Als Grüner, so heißt es nun, müsse Schmelich die Stelle räumen. Sie „gehöre“ schließlich den Christlichen.

3. Akt – Schürzung des Knotens: Die lokalen und regionalen Medien berichten über den Vorfall, sogar die überregionale Presse wird aufmerksam (gemacht). Der Ton wird rauher, die Argumente vermischen sich. Rudolf Kohnert, Duderstädter SPD-Ratsherr und Geschäftsführer der IG Bau – Steine – Erden, lobt zwar Schmelichs persönlichen Einsatz für die Gewerkschaft, erklärt die Grünen aber zu einer Partei mit „antigewerkschaftlicher Tendenz“. Ihre Aktionen gegen Bauprojekte würden schließlich Leute vom Bau arbeitslos machen. Er hatte gegen die Zulassung von Schmelichs Kandidatur gestimmt.

Die CDA möchte die Welt in Duderstadt dadurch wieder in Ordnung bringen, daß die Gewerkschaft ihren Ortssekretär versetzt und seinen Platz wieder mit einem christlichen Gewerkschafter besetzt.