Von Karl-Heinz Wocker

Talkshows sind nicht theoriefähig. Das wäre kaum weiter schlimm, handelte es sich bei ihnen um Einzelprodukte, auf einen Anlaß zugeschnitten, gelegentlich im Programm erscheinend. Aber sie sind nun mal Serie und Konfektion. Sie werden gesendet, wenn das nächste der geplanten Daten naht, ob nun die Voraussetzungen jeweils günstig, die geladenen Gäste auch wirklich gekommen, die Moderatoren gut vorbereitet sind oder nicht. Wenn ein Schachspieler Kopfschmerzen hat, sagt er ein Turnier ab. zieht es ein bißchen im Arm von Jimmy Conners, müssen sie halt ohne ihn spielen. Talkshows aber haben stattzufinden, und wenn die Welt voll Teufel war. III nach 9 ist in sieben Jahren nur einmal nicht zustande gekommen. Da hatten sie in Bremen zu spät gemerkt, daß sie kein Personal hatten für Sendung 87 oder kein Studio. (Schon mal gehört, daß eine Zeitung nicht erschien, weil kein Papier bestellt worden war?) Also gab es Konserven, die „schönsten Stellen aus...“, Erbswurst statt Erbsensuppe.

Wenn man nun nicht sagen kann, wie eine Talkshow beschaffen sein muß, so läßt sich dagegen sehr wohl sagen, wie sie nicht sein darf. Es gibt Sünden, gegen die zu verstoßen den sicheren Mißerfolg heraufbeschwören heißt. Nicht eine dieser Sünden hat III nach 9 ausgelassen. Ja, die Sendung ist geradezu mit Besessenheit in jede Falle getappt, die es überhaupt nur gibt. Sie hat ständig mit der Sendezeit experimentiert, und zwar sowohl mit dem Beginn wie mit der Länge. Manchmal können am Ende nur noch die Katzen und die Eulen zugeschaut haben.

Gesündigt wurde ferner gegen das eiserne Gesetz des festen Sendetags. III nach 9 lief lange Zeit sonntags, hatte aber donnerstags begonnen und ging dann auf den Freitag über. Für dergleichen gab es immer sogenannte übergeordnete Gründe, die Koordination mit anderen Sendern oder das wichtige Fußballspiel. Lauter Unfug zumindest seit dem Zeitpunkt, von dem an sich diese anderen Sender ihrerseits nach Bremen hätten richten müssen, weil III nach 9 ein ’Erfolg geworden war und man an Erfolgen nicht doktern darf. Alle Erfahrungen beweisen, daß nach längerem Angebot einer populären oder kontroversen Sendung zur festen Zeit und am immer gleichen Tag die Zuschauer ihre Lebensgewohnheiten ändern und sich darauf einstellen.

Wichtiger als Stunde und Tag ist die Kontinuität. Natürlich konnte III nach 9 auch da dem Juckreiz der Programmacher nicht entgehen, einer spezifisch deutschen Fernsehkrankheit, von der die Kollegen in den USA und in England seltsamerweise nicht befallen werden. Also mußte zum Beispiel unbedingt mal eine Pause gemacht werden. Sie dauerte von Juli 1977 bis Januar 1978, und entgegen allen Versicherungen des Senders – die Funktionäre glauben ja ernsthaft, man könne ihnen noch irgend etwas glauben – waren die meisten Leute überzeugt, dies sei das Ende. Man stelle sich vor, der Spiegel erschiene sechs Monate nicht oder der Stern komme plötzlich sonntags heraus, die ZEIT statt dessen dreimal wöchentlich. Doch genauso sahen die Resultate dieser „Denkpause“ aus: Beschlossen wurden nur neue Sünden.

Denn nun sendete III nach 9 plötzlich vierzehntäglich und mit einem ganzen Pulk von Moderatoren, alles ging kunterbunt durcheinander, jedesmal erschien eine andere Crew, das Publikum war irritiert, die – keineswegs verdoppelte – Redaktion überfordert, die Identifizierung der Moderatoren mit der Sendung ließ nach, es bildeten sich allerlei Untercliquen und Animositäten, der konnte mit dem, die nicht mit jenem. Eine der Moderatorinnen erklärte, diese Unter-Gürtel-Themen von III nach 9 möge man allen anderen, aber nicht ihr übertragen. Ein anderer Novize begann Vereinbarungen über Gäste mit der Leitung des Hauses zu treffen und hatte sofort den ganzen Laden gegen sich. Natürlich verschwand der Spuk auch wieder, es ging zurück zu einem festen Team und dem alten Vierwochenrhythmus. Aber es mußte eben mal ein Jahr lang Chaos sein, darauf mochten sie nicht verzichten.

Was mögen Diktatoren