Von Wolfgang Hildesheimer

Was bedeutet dir Goethe?

Die immer wiederkehrende Anniversarienfrage. Aber vielleicht ist es dem geistigen Haushalt von Nutzen, hin und wieder sein Verhältnis zu den bekannten Größen der Vergangenheit zu überprüfen. Mit Goethe habe ich mich jahrelang nicht mehr beschäftigt. Aber er hat natürlich seinen festen Nebenplatz im Unbewußten.

Wie meinst du das?

Ich meine, daß wir uns alle wahrscheinlich ohne Goethe schlecht vorstellbar wären. Vielleicht ist er es, der uns unsere Plätze in der Literatur zugewiesen hat.

Wer sind wir?

Sagen wir: wir deutschsprachigen Schriftsteller, die wir uns an ihm natürlich nicht messen können. Wir übernehmen seine Begriffe, ja, seine Worte, ohne im Bewußtsein an ihn gemahnt zu werden. Wir bedienen uns seiner, um Vergleiche anzustellen. Wir richten uns sogar nach seinen Maximen – freilich weniger nach seinen Reflexionen –, und manch einer richtet sich sogar an ihm auf, was, meiner Meinung nach, zu weit führt, denn ein Trostspender ist er nicht. Und nicht zuletzt ist er der Schöpfer des faustischen Menschen, also eines Archetypen, seinem einzigen übrigens.