Meine erste Sanktion erlebte ich als Quartaner mit zwölf Jahren. Wir wollten einen Klassenkameraden namens Lothar bestrafen.

Über ihn hatten wir uns dauernd geärgert. Der war nicht nur ein arroganter Angeber und Lügenbold. Er hatte auch eine unverschämte Art, uns alles einfach wegzunehmen, was er gerade brauchte. Er konnte auch ganz schön brutal sein, vor allem gegen Kleinere und Schwächere. Und nun waren auch noch zwei von uns zum Nachsitzen verdonnert worden wegen einer Fensterscheibe, die er eingeworfen hatte. Das Maß war voll.

Eigentlich hatte er eine Abreibung verdient, aber dazu fehlte es an der notwendigen Geschlossenheit. Erik und Uwe waren dafür; ich nur, wenn alle mitmachten, doch Karl und Achim waren sehr dagegen; denn Lothar war stark, und sie hatten keine Lust, von ihm Keile zu beziehen.

Karl schlug statt dessen vor, die Beziehungen zu ihm abzubrechen.

Dagegen war wieder Erik, der ihn eben noch verdreschen wollte; nun aber fand er, er könne es sich mit ihm nicht ganz verderben, weil Lothar der Beste in Mathe war und Erik manchmal abschreiben ließ. Einen Bruch wollte sich Erik nicht leisten, das konnte ihn die Versetzung kosten.

Achim schlug vor, Lothar durch den Entzug von Unterrichtsmaterial (Zirkel, Hefte, Ratzefummel, Feder) eine Lehre zu erteilen. Aber als wir uns gerade mit dieser Idee angefreundet hatten, gab Fränzchen zu bedenken, daß Lothar Gegenmaßnahmen ergreifen würde: Lothar besaß nämlich eine vollständige Sammlung von Karl-May-Büchern, von der wir alle profitierten.

Ulli, der sich bis dahin zurückgehalten hatte, erklärte nun, er halte von der ganzen Aktion nichts; was wir Lothar verweigerten, könne er sich leicht bei anderen besorgen; auf ihn könnten wir dabei nicht zählen, ihm habe Lothar nie was getan. Das fanden wir so empörend, daß wir drauf und dran waren, erst mal Ulli zu verhauen, der uns so schmählich im Stich ließ.