Vielleicht ist er der einzige seines Metiers, dem man den Satz glauben kann: „Dies ist meine letzte Tournee in Europa.“ Sammy Davis jr. sagte ihn am vergangenen Sonnabend in Amsterdam, wo er in einem gräßlichen Kongreßsaal vor einem gleichwohl leutseligen Publikum die Abschiedsrundreise antrat. Er hält mit Gründen nicht hinterm Berg: Er sei nun 56 Jahre alt, sagt er, er wolle sich ganz dem directing von Fernsehshows, Filmen und dergleichen zuwenden, auch öfter als bisher zu Hause sein und nicht von seinen Hunden gebissen werden, die ihn nicht mehr kennen. Und er hat Zweifel, daß ihm dereinst als Sechzigjährigem dann noch ein Abschied mit Anspruch und Würde gelingen werde, so wie er ihn jetzt vorführt – singend, plaudernd, albernd, tanzend: ein Entertainer.

Bei Abschieden drückt man gern ein Auge zu, aber man braucht es nicht einen Augenblick lang zu tun: Dem kleinen, schmalen, gelenkigen Mann mit dem einprägsamen Gesicht, den flinken Beinen und der voluminösen Stimme zuzuhören und zuzusehen, macht so viel Spaß wie je. In jeder Minute seines Auftritts ist deutlich, daß er’s immer noch kann und daß es ihm darauf ankommt, sein Publikum eher mit Witz zu unterhalten als mit Witzen. Er ist ein intelligenter Mann und – nicht eben häufig in dieser Branche – einer mit Geschmack.

In Amsterdam hatte er einen (in den deutschen Konzerten wegfallenden) mühsamen Anfang, vielleicht, um einer unbekannten – und vermutlich in diesem Zustand verharrenden – Sängerin, die er als Gast auftreten ließ, die Niederlage zu mildern, einer etwas aufdringlichen lauten Person mit einem unbiegsamen Alt und einer Vorliebe für das Wort „phantastisch“.

Dann läßt er Smokingjacke, Fliege und Goldrandbrille draußen, kommt in Hemd und Hose und läßt es an Hals, Handgelenken und an den Fingern funkeln: Ketten (zwei), Reife (zwei) und Ringe (sechs) – die Arbeitsausrüstung. Dazu zählt auch die brennende Zigarette, die zusammen mit dem Mikrophon in einer Hand denselben Zweck erfüllt wie das Taschentuch, das Sängerinnen wringen. Alle die Nebensächlichkeiten, denkt man, sind Bestandteil einer Inszenierung, in der der Zufall unerkennbar wird.

Möglich ist das nur, weil Davis und sein Kapellmeister George Rhodes – die seit über einem Vierteljahrhundert miteinander musizieren – eins sind, weil der Sänger auf die Nuance weiß, was in der Musik vor sich geht, wer den Einsatz hat, wie eine Passage eingeführt werden sollte. Zwar weiß der junge, etwas übertrieben gefeierte Schlagzeuger ganz gut selber, wann er dran ist – aber erst der Wink des Sängers sichert den Pointen seines Spiels die Aufmerksamkeit, die das Spektakel braucht. Manchmal lohnt der Aufwand nicht: wenn der Konzertmeister sein stumpfes Solo vorbringt, wenn das – wie bei solchen Tourneen oft – zusammengewürfelte Orchester, vor allem das Blech und die Saxophone, auch nicht recht strahlen will.

Auf Sammy Davis warf das alles keinen Schatten: ein strahlender Star. Er kann sich mächtig freuen, und jedermann um ihn herum fühlt sich angesteckt; aber er weiß, wann es genug ist – mit dem Hüftenwackeln, Scherzen und Grimassenschneiden.

Dreimal geschieht auf der Bühne etwas, das in Erinnerung bleibt. Das eine ist ein Duett mit dem Schlagzeuger, ein langes Potpourri klassischer Schlager, das er in einer Mischung von Gesang und freier Rede vorträgt, halb Selbstgespräch, halb Lied, versetzt mit Improvisationen; es ist der freien Form zum Trotz rhythmisch ganz fest, und man glaubt, die Phrasierungsbögen, die er singt und spricht, zu sehen. Dann löst sich das introvertierte Spiel auf und mündet in den alten Hit von der Lady, die ein Tramp sei.