Pünktlich um halb acht stehe ich morgens in der Vermittlungsstelle des Arbeitsamtes für studentische Hilfskräfte, im Jargon „Jobberhöhle“ genannt. Vor mir drängeln sich bereits zweihundert weitere Arbeitsuchende. Jeder wirft seinen Arbeitsamtsausweis in eine Urne, wartet dann auf seine Nummer, die im Losverfahren zugeteilt wird. Ich bin Nummer 188 unter insgesamt 195 Bewerbern. Fortuna ist heute gegen mich.

Zuerst wird ein Kraftfahrer gesucht, für einen Tag, zehn Mark brutto die Stunde. Der Andrang auf die Tür des Amtszimmers ist beängstigend. Etwa hundert Interessenten schubsen und schieben, versuchen, durch die Sesampforte der Arbeit zu dringen. Wild durcheinander werden Zahlen gerufen – Nummer 2 bekommt den Job; Nummer 1 hat wohl keinen Führerschein. Die Menge zieht sich zurück und wartet auf die Verkündung des nächsten Traumjobs.

Gesucht werden zwei Packer, für neun Mark und drei Tage; erneutes Geschiebe, Nummer 1 und Nummer 3 bekommen die Arbeit. Eine Frau als Putzhilfe für zwei Stunden wird gesucht; die gesamte weibliche Bewerberschaft rückt vor, die niedrigste Nummer zieht das große Los.. Ein Oberprimaner braucht Nachhilfe in Elektrochemie – es ist kaum zu glauben, wie viele Chemiestudenten auf Arbeitsuche sind.

Das war’s für heute – ertönt der Lautsprecher im total überfüllten Warteraum. Ich denke, das kann doch nicht wahr sein; nur vier Angebote.

Mit mir fragen sich 190 Arbeitswillige: Was nun? Soll ich nun nach Hause gehen und einen Kaffee trinken, oder soll ich warten und hoffen, daß der ganz große Job heute noch angeboten wird? ich entscheide mich zu warten.

Mir gehen die Jobs durch den Kopf, die ich in besseren Tagen bekommen habe. Als Maurer, Fließbandarbeiter, Zimmermann, Packer, Säckeschlepper und Maler habe ich schon mein Geld verdient. Es war nicht immer leicht; manchmal mußte ich um fünf Uhr aufstehen und den ganzen Tag 50 bis 75 Kilogramm schwere Säcke schleppen. Aber körperliche Arbeit ist ein guter Ausgleich neben dem Studium. Außerdem kann ich bei manchen Arbeiten ein paar praktische handwerkliche Fertigkeiten lernen, die mir an der Universität nicht vermittelt werden. Wie bei allen Kommilitonen ist jedoch der wichtigste Grund für meine Arbeitssuche die Notwendigkeit, Geld zu verdienen. Wer kann schon von 500 bis 600 Mark Bafög im Monat leben?

Ich denke zurück an die goldenen Tage, in denen ich als Dolmetscher für vier Stunden Übersettungstätigkeit stolze 150 Mark erhielt. Aber so einen Job bekomme ich wohl nie wieder. Manchmal gibt es noch sogenannte Exotenjobs: Gesucht werden drei Neger zum Straßenverkauf von Negerküssen. Frack und weiße Weste werden gestellt. Ein Mädchen mit Konfektionsgröße 36 wird für eine Zigaretten-Werbeaktion gebraucht – neben den Ausländern gehören die Frauen zu den stark benachteiligten Gruppen bei der Jobvergabe. Ein anderes Mal wird ein Sportstudent gesucht, der seine Beine für Werbeaufnahmen zur Verfügung stellen soll...