Der Geist des Pfarrers schwebt über den Wassern von Wörishofen – über den nämlichen Wassern, aus denen, wie er gelehrt hatte, das Heil kommt. Und es ist nicht allein sein Geist... Er selbst ist an der Stätte seines Wirkens allgegenwärtig: die Denkmäler aus dankbarer Verehrung, Spuren seines aufopferungsvollen Lebens, seine Worte, seine Werke, sein Vermächtnis. Bad Wörishofen ist eine einzige Huldigung des Naturheilkundigen Sebastian Kneipp, der, kein Zweifel, ein ganz und gar selbstloser Wohltäter der Menschheit war.

Das Wasser fließt in den Bächlein, quillt aus den Brunnen wie vor hundert Jahren, als der Beichtvater Kneipp im Innenhof des Dominikanerinnen-Klosters mit der Gießkanne die ersten Güsse verabfolgte. Eine Nachbildung des historischen Badehäuschens steht unbeachtet in einer Nebenstraße bei der ersten, rührend primitiven Wandelhalle, von deren Kanzel der Pfarrer Kneipp am 10. Oktober 1890 den ersten Vortrag hielt.

Hier hat er den Gedanken formuliert: „Ein abgehärteter Körper besitzt auch den größten Schutz vor den Krankheiten der Seele.“ Er sah den Kranken nicht als medizinischen Fall, sondern als Einheit von Leib, Seele und Geist. Das ist der Kern seiner Lehre. Die Wassertherapie hatte er schon als Gymnasiast an sich selbst erprobt. Er hatte sich durch Bäder in der eiskalten Donau von einer Lungentuberkulose im tödlichen Stadium kuriert.

Der Pfarrer Kneipp war kein Wunderheiler, und er war kein Wissenschaftler. Er vertraute auch nicht ausschließlich auf die Heilkraft des kalten Wassers. Seine Größe sind Standhaftigkeit und gesunder Menschenverstand. Er rief der Schulmedizin (die ihn zunächst bekämpfte) die im bäuerlichen Hausgebrauch bewährten Heilkräfte der Natur ins Gedächtnis: die Körperreaktion auf kalt und heiß in der Anwendung als Bäder, Güsse, Packungen und Wickel. Er erinnerte sie an die vergessene und verachtete Heilwirkung der Kräuter. Das ist seine historische Leistung. Er rief damit die größte Gesundheitsbewegung der Welt ins Leben. In Westdeutschland gibt es 57 Kneipp-Heilbäder und -Kurorte.

Was würde der Dorfpfarrer wohl heute über sein Wörishofen sagen? Er erkennte es vielleicht nur am Heuduft der Wiesen wieder, die er, Heublumen als Packung, Wiesen zum Tautreten in der Herrgottsfrühe, als Kurmittel empfohlen hatte. Auch die Kur wäre ihm vertraut. Die Physiotherapie nach Kneipp stützt sich auf die Kontraste von Wasseranwendungen, sinnvolle Bewegung und Ernährung, Pflanzenheilkunde und Gesundheitserziehung. Die Heilanzeigen, seit hundert Jahren unverändert: Herz/Kreislaufleiden, Stoffwechselstörungen, Krankheiten des Bewegungsapparates. So weit, so gut. Aber sein Wörishofen?

Das Dorf im Voralpenland mit damals 1000 Weidebauern ist inzwischen eine Stadt von 13 000 Einwohnern, das Bad (Prädikat seit 1920) mit 209 Kurbetrieben steht als Kneippbad an erster, unter den deutschen Heilbädern an fünfter Stelle, gemessen an Bettenzahl und Übernachtungen. Die Bad Wörishofener Statistik registriert jährlich 70 000 Gäste und 1,4 Millionen Übernachtungen. Von diesen 70 000 Gästen sind 20 000 Urlauber, die aber an der Gesamtzahl der Übernachtungen nur zu fünf Prozent beteiligt sind. Bad Wörishofen lebt von der Kur. Es gibt 60 Badeärzte und 600 Bademeister, Masseure und Gymnastiker. 3000 Arbeitnehmer sind direkt, weitere 2000 indirekt für den Kurbetrieb tätig. Bei einem jährlichen Kurumsatz von 175 bis 180 Millionen nimmt das kommunale Kuramt an Kuramt und Kurförderungsabgaben 4,2 Millionen Mark ein. Das tatsächliche Volumen des Kurverwaltungsetats von rund sechs Millionen wird über den städtischen Haushalt (21 Millionen) ausgeglichen. Kurdirektor Lothar Burghardt: „Auf dem Papier sind wir defizitär.“

Von solchen Rechnungen würde der Pfarrer Kneipp vermutlich nicht viel wissen wollen. Seit er als junger Bursch beim Brand des Elternhauses 70 Gulden eingebüßt hatte, mochte er kein Geld mehr zählen. Später hat er durch seine Bücher so viel verdient, daß er ein Kurhaus (heute-„Sebastianeum“), ein Kinderasyl („Kinderheilstätte“) und ein Krankenhaus („Kneippianum“) bauen konnte. Vielleicht gefiele ihm noch, daß man bei bescheidenen Ansprüchen in Bad Wörishofen schon ab 1000 Mark eine Kneippkur machen kann (auch im Sanatorium noch sehr preiswert zum Pauschalpreis von etwa 2400 Mark). Sein Herz schlug ja vor allem für die Armen und für Kinder, und es wäre ihm gewiß recht, daß 80 Prozent der Wörishofener Kurgäste Sozialpatienten sind.