West-Berlin

Daß ein Geschäft in der West-Berliner Kurfürstenstraße, nahe dem Bahnhof Zoo, vor allem von Kundschaft aus der Sowjetunion lebt, ist eine Kuriosität in der an Merkwürdigkeiten reichen Stadt. Besonders wenn in Moskau oder Leningrad Semesterferien sind, herrscht im „Monster“, so der Name des Ladens, Hochbetrieb. Aber auch das ganze Jahr über strömen dunkelhäutige Studenten aus afrikanischen und asiatischen Ländern, abgeordnet zur Ausbildung in der Sowjetunion, in den Laden voller Billigkleidung. Das „Monster“ scheint in der Sowjetunion ein Begriff zu sein. Die Einkäufer, ausgestattet mit dem Paß ihrer Heimatländer, und damit berechtigt, das sowjetische Territorium zu verlassen, kommen mit der Bahn oder dem Flugzeug nach Ost-Berlin. Dann nehmen sie die S-Bann über die für sie offene Grenze nach West-Berlin. Vom Bahnhof Zoo bis zur Kurfürstenstraße ist es nur ein kurzer Weg. Im „Monster“ wollen sie vor allem Jeans kaufen. Dafür lohnt sich jede Strapaze, auch wenn die Hosen mit unseren gängigen Marken nichts anderes gemein haben als die blaue Farbe. Dennoch finden sie reißenden Absatz – dreißig Mark das Stück. Die Herkunft der „Monsterware“ ist in Dunkel gehüllt – eingenähte Firmenschilder gibt es nicht. Die schwarzen Studenten bezahlen mit Westmark; auch ihre Herkunft ist unbekannt.

Schon seit geraumer Zeit bestaunen die Berliner dieses Phänomen, das ihnen nicht verborgen geblieben ist. Denn das Gut wechselt nicht heimlich über die Grenze. In der Nähe des „Monsters“ gelegene Postämter haben sich an die gelben Postpakete mit kyrillischen Aufschriften, samt und sonders für die Sowjetunion bestimmt, gewöhnt. Die Pakete sind jetzt im Laden selbst zu haben, in einer speziell dafür eingerichteten Ecke kann ungestört gepackt werden. Die Angestellten versorgen ihre Kundschaft auch mit Absenderadressen: aus dem West-Berliner Telephonbuch. Die Umgangssprache mit der Kundschaft ist Russisch, die Verkäufer stammen aus der Sowjetunion; es sind russische Juden, die zunächst nach Österreich kamen und nicht nach Israel wollten.

Das Unternehmen floriert – der Schwarzmarkt in der Sowjetunion ist unersättlich; vor allem mit Jeans sind Riesengewinne zu machen, so daß die Reisekosten nicht ins Gewicht fallen. Der Kleiderladen existiert etwa ein Jahr. Neu hinzugekommen ist, gleich nebenan, die „Abteilung Hi-Fi, Video, Elektro“. Auch hier ist immer Hochbetrieb. Mancher der Einkehrenden hat bereits ein „Monsterprospekt“ bei sich. Bekannte Produkte, hauptsächlich aus Japan, werden hier verkauft: von koffergroßen Stereo-Kassettenrecordern, Lautsprechern, Radios, Plattenspielern bis zu den „Walkmännern“. Die Preise scheinen Verhandlungssache zu sein. Schnell wechseln die Hundertmarkscheine den Besitzer. Doch ein Käufer, der DDR-Geld in das Bündel gemengt hatte, bekommt ein deutliches „njet“ von der Verkäuferin zu hören.

Wie werden die teilweise sperrigen Elektro-Artikel in die Sowjetunion geschleust? Man versteht nicht: „Sprachschwierigkeiten“ ... Das „Monster“ ist nicht nur ein florierendes Geschäft – es ist auch ein schweigsames.

Gabriele Engert