Von Haug von Kuenheim

Wer kennt Dieter Stolte? Den Mann, der am Ende dieser Woche Karl-Günther von Hase als Intendanten des ZDF ablösen wird? Offenbar keiner. Denn wer immer mit ihm zu tun hat, antwortet ausweichend: „Ich weiß nicht genau, ob ich ihn kenne.“

Wie offen liegen da andere Medienfürsten vor uns: Über Rudolf Augstein oder Henri Nannen ließen sich ganze Romane schreiben, über die ARD-Intendanten immerhin abendfüllende Satiren, Von Dieter Stolte jedoch, Chef über dreitausend Angestellte, Verfüger von jährlich über eine Milliarde und zweieinhalb Millionen Mark, Verdiener von 300 000 Mark, Herr von zehn Stunden Sendezeit täglich, werden nur sich oft widersprechende Klischees verbreitet; aalglatt sei er, heißt es, ein wendiges Bürschchen, konfliktscheu, entscheidungsfreudig, ein Zauderer, gebildet, süchtig nach Harmonie, integer, gewieft, ein fröhlicher Lastesel, ein disziplinierter Technokrat, ein funktionierender Manager, ein Musterknabe, ein Kind des Fernsehens, ein Konservativer, ein Konservativer mit Zusatz. Und sogar der kluge Friedrich Karl Fromme von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist ratlos. Er setzte hinter sein Porträt über Dieter Stolte ein Fragezeichen: „Ist er im eigentlichen Sinne ein politischer Mensch?“

Wie gut, daß niemand weiß, daß ich Rumpelstilzchen heiß’, sagt sich da der 47 Jahre alte Stolte und läßt sich auch vom Spiegel nicht aus der Reserve locken. Im Gespräch mit ihm, das zu Beginn dieser Woche erschien, bekennt er sich allerdings als Preuße: „Ich fühle mich als sein (des ZDF) erster Diener.“ Was dem großen Fritz recht ist, ist dem kleinen Dieter nicht zu billig

Klischees hin, Klischees her, Dieter Stolte ist auf dem Mainzer Lerchenberg der Mann, der wie kein anderer das Zweite Deutsche Fernsehen im kleinen Finger hat. Als vor neunzehn Jahren das ZDF seine ersten Sendungen ausstrahlte, war er dabei: als Referent des ersten Intendanten Karl Holzamer. Von Anfang an war er mit allem befaßt, mit dem Programm und den Finanzen. Er lernte einen Haushalt aufzustellen, Filme einzukaufen, Sendungen abzunehmen, Programmstrukturen zu entwickeln. Wenn einer das Fernsehen von der Pike auf gelernt hat, dann er. Allerdings nicht als praktizierender Journalist, Filme hat er nicht gedreht, auch keine Kommentare gesprochen.

Dennoch: „Ich bin ein Mann des Mediums“, sagt er von sich. Zu Recht. Er kommt nicht wie andere seiner Kollegen der ARD aus Staatskanzleien oder der Verwaltung. Das Fernsehen wurde dem Studenten der Philosophie zum Lebenselixier. Es beflügelte ihn zu ungeheurer Produktivität. Die Zahl seiner medienpolitischen Abhandlungen übertreffen den Ausstoß eines ordentlichen deutschen Professors bei weitem. So lag es nahe, daß die Hamburger Hochschule für Musik und darstellende Kunst ihn zum Professor für Medientheorie und Medienpraxis machte. Als „Spagat“-Professor turnt er nun – ohne einen Pfennig zusätzlich zu verdienen – zwischen Mainz und Hamburg und blüht von Vorlesung zu Vorlesung mehr auf.

Das Klischee arbeitswütig stimmt jedenfalls. Zu gern spricht er davon, wie ein so großer Laden wie das ZDF zu „managen“ ist, denn als Manager – Kulturmanager sieht er sich wohl am liebsten gezeichnet. Vor zehn Jahren schon, als er das ZDF für eine kurze Zeit verließ, um die Programmdirektion des Südwestfunks in Baden-Baden zu übernehmen, formulierte er, daß an die Spitze des Fernsehens nicht ein feinsinniger Theaterintendant oder ein der Feder mächtiger Chefredakteur gehöre, sondern eben der Kulturmanager. Er schrieb; „Das Fernsehen (im Gegensatz zu Kulturinstituten alter Provenienz) folgt zur Erfüllung seiner Aufgaben anderen Gesetzlichkeiten. Wie ein Wirtschaftsunternehmen wird es durch den Ablauf: Beschaffung, Produktion, Absatz/-Ausstrahlung charakterisiert, und wie jeder Großbetrieb bedarf es zu seiner Leitung eines Top-Managements, das nach den modernsten Methoden und Erkenntnissen arbeitet.“ Stolte über Stolte vor zehn Jahren!