Obwohl kommunistische Staaten den Sport im allgemeinen sehr ernst nehmen, gibt es dort kaum Golfplätze. Golf ist eine Erscheinung, die fast nur in kapitalistischen Gesellschaften anzutreffen ist. Warum? Weil Golf mehr als jeder andere Sport der Inbegrif des kapitalistischen Geistes ist.

Golf ist nicht nur ein Sport. Es ist eine Art zu leben, ein Verhalten, ein Ausdruck für das Menschliche, Allzumenschliche. Die Moral, die Grundsätze, die Regeln und das Verfahren des Spiels sind vollkommen kapitalistisch; sie sind das genaue Gegenteil des Sozialismus. Golf fordert Selbständigkeit, Unabhängigkeit, Verantwortlichkeit, Unbestechlichkeit und Vertrauen. Das Spiel ist wie das Leben: oft unfair und ungerecht, mit Risiken, gegen die man sich nicht versichern kann. Es gibt keine mildernden Umstände für Unglück, Fehler oder Unfähigkeit, und es gibt keinen zweiten Versuch.

Die Launen des Glücks lassen sich im Golf ebensowenig klassifizieren, berechnen oder versichern wie im Leben oder bei Investitionen. Es gehört zum Spiel, daß der Ball in ein divot rollen kann (ein Loch, das entsteht, wenn ein Stück Rasen vom Golfschläger herausgeschlagen wird), auf dem fairway unglücklich abspringt oder im Bunker verschwindet. Im Golf gibt es sogar einen Begriff für diese Ungerechtigkeit: den Bahnzufall („rub of the green“). Er muß getragen werden wie ein unabänderliches Schicksal, wie Krankheit oder Unglück.

Wie im Kapitalismus, so sind auch beim Golf einige der Risiken und Zufälle vorhersehbar. Bunker, Bäume, Wasser und Wind bieten die Möglichkeit zu gewinnen, hoch zu verlieren oder zu prüfen, welchen Versuchungen der Spieler zu widerstehen vermag. Dem Golfer steht es frei, diese Möglichkeiten zu erwägen – aber dann spielt er seinen eigenen Stil und erntet seinen eigenen Erfolg oder seinen eigenen Mißerfolg. Er schafft sich selbst und zerstört sich selbst, indem er seinen Ball spielt im Wettbewerb mit der Natur und mit sich selbst.

Golf erlaubt keinen zweiten Versuch. Jeder Schlag zählt. Andere Sportarten kennen zwei oder sogar drei und vier Versuche: zwei Aufschläge im Tennis, zwei Freiwürfe im Basketball, drei Schläge im Baseball und vier Anstöße (downs) im amerikanischen Fußball. Aber im Golf ist es ausgeschlossen, einen früheren Fehler ungeschehen zu machen.

Ehre und Unbestechlichkeit sind dauernd gefordert. Der Golfer zählt für sich selbst, ohne die Möglichkeit, einen Schlag unbeachtet zu lassen. Jede Versuchung zu mogeln scheitert an der Unmöglichkeit, sich selbst mit Erfolg zu belügen, Wie der Kapitalismus, so verlangt Golf, mit dem fertig zu werden, was man tut, nicht mit dem, was man sagt oder mit dem, was man wünscht, getan zu haben. Kein Schiedsrichter ahndet Verstöße, und kein Punktrichter beurteilt die Leistung. Das Spiel ist ganz objektiv: ein Schlag wurde ausgeführt oder nicht ausgeführt; der Ball ist im Aus oder nicht im Aus, auf dem Grün oder daneben, im Loch oder neben dem Loch.

Das Spiel ist auch vollkommen unvorhersehbar. Mitten im guten Spiel schlägt das Unglück zu. Das Selbstvertrauen ist sofort erschüttert. War es nur ein unglücklicher Zufall? Oder war es der Abfall der eigenen Leistung? Falls das letztere zutrifft, sind Änderungen notwendig, und wenn ja, welche? Wie in kapitalistischen Gesellschaften werden diese immer wiederkehrenden Fragen privat beantwortet; die Verantwortung nimmt einem niemand ab. Selbst der Lohn für den Erfolg – beruhe er nun auf wirklicher Leistung oder auf Glück – bleibt unsicher. Spiele ich wirklich besser? Dann gilt ein neuer Maßstab, und das Ziel, immer besser zu spielen, wird noch ungreifbarer. Immer mehr und immer Besseres zu leisten – wie kapitalistisch ist das doch!