„Ertrinkenstage“, von Alice Hoffman. Es geht um zwei Frauen, die den gleichen Namen tragen, um Großmutter und Enkeltochter, die sich nicht mögen und die am Ende doch die einzigen sind, die eine Zukunft haben. Die junge amerikanische Autorin erzählt eine merkwürdige Familiengeschichte voller Absonderlichkeit und alptraumhafter Realität: Da gibt es nicht die fröhliche Verbundenheit, die wir aus den US-Familienserien kennen, im Gegenteil: ohne Hoffnung, ohne Gefühl füreinander wollen alle nur eins – dem Clan entkommen. Aus dieser Eiszeit – auf schöne Weise melodramatisch, manchmal auch skurril-märchenhaft beschrieben – gibt es nur einen Ausweg: das Gespräch zwischen den Frauen. Die Alte hat sich gegen Vorurteile nicht durchsetzen können. Die Steine, die ihr die tätowierten, zwergenhaften Männer, der Sohn und das Kindermädchen in den Weg gelegt hatten, hat sie nicht wegräumen können. Es gelang ihr nicht, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Aber kurz vor dem Ende, nachdem sie endlich mit dem Chauffeur geschlafen hat, weiß sie genau, daß die Enkeltochter es schaffen wird. Und so wird ihre Geschichte fortgeführt werden, auf bessere Weise, in besseren Zeiten. (Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Krege; Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, 1981; 232 S., 28, - DM.) Manuela Reichart

„Wie die Würfel fallen“, Roman von André Weckmann. Der Elsässer Autor, Jahrgang 1924, nach Zwangseinziehung zur Wehrmacht an der Ostfront schwer verletzt, desertierte im September 1944 und studierte in Straßburg Germanistik. André Weckmann gehört zu den lokal geprägten Vertretern zweier Kulturen, deren Antagonismen einen schmerzlichen Hintergrund haben – und die sie nun zu überwinden suchen. Der Verfasser mehrerer Werke und Träger verschiedener Literaturpreise zählt zu den führenden Vertretern jener „alemannischen Internationale“, die gegen Sprachunterdrückung, Umweltzerstörung und die vielen Atomkraftwerke im Dreiländereck kämpft und deren Engagement zur Bildung einer „Bewegung für die kulturelle Selbstverwaltung“ geführt hat. In ihrem Milieu spielt Weckmanns bisher gewichtigstes Werk, der betont realistisch geschriebene, offenbar authentisch – und selbstbiographisch – dokumentierte Roman. Seelenzustände und Straßenkämpfe, Öko-Folklore und Frauengeschichten aus der alternativen Szene bilden das Gerippe dieser epischen Chronik, in die der Autor immer wieder historische Reminiszenzen einbaut und die sich auch sprachlich zu ihrer geographischen Herkunft bekennt. In seiner literarischen Vitalität ist dieser „Roman aus dem Elsaß“ ein überzeugendes Plädoyer für die Erhaltung deutscher Kultur in einer Region, die von Paris fast schon, wie eine kulturelle Kolonie behandelt wird. (Mörstadt Verlag, Kehl, 1981, 323 S., 34,– DM.) Jürg Altwegg

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„Die Geschichte vom Rotkäppchen – Ursprünge, Analysen, Parodien eines Märchens“, von Hans Ritz. Irgendwelche Fragen erübrigen sich, „Rotkäppchen“ kennt ja jeder. Irrtum! Der Germanist Ritz korrigiert unseren treudeutschen Kinderglauben, es gebe eine „unantastbare, absolut richtige, ein für allemal gültige Märchenfassung. ‚Das Rotkäppchen‘ existiert nicht. Die Grimmsche Version... ist nur eine unter vielen, und nicht einmal die beste“. (Dafür ist es – Made in Germany – die pädagogisch penetranteste.) – Als „wissenschaftliches“ Pendant zum Märchen gibt es, Ritz biegt es uns bei, eine „Horrorgeschichte: Rotkäppchen und die bösen Interpreten“. Eine wahre Story, in der Berufs-Freudianer wie Fromm und Bettelheim bei einem „heiteren Symboleraten“ „glatt behaupten oder aalglatt unterstellen“, was Rotkäppchen rot werden läßt und auf keine Wolfshaut geht: Ist die rote Kappe wirklich ein „Menstruations“-Symbol und die Sache mit dem verkleideten Wolf eine verkappte „Bettszene“? – Wohl nicht zufällig ist gerade dieses Märchen Zielscheibe, „einer erklecklichen Parodienflut“ und das „Schreiben von Rotkäppchen-Versionen“ ein „intellektueller Volkssport“. Gar lustig wird die Jägerei, wenn Ritz im Anhang seine satirische Meute von der Leine läßt – darunter so bewährte Beißerchen wie Janosch, Rühmkorf, Troll, Ungerer und Waechter (insgesamt rund dreißig Parodien). „Echt irre, ehrlich“: „Rotkäppchen in der Scene“, von einer schlicht „Irmela“ gerufenen Autorin: „Das ist ja wohl die Härte, wie du mich hier so repressiv anmachst“, kläfft Emanze Rotkäppchen, „da läuft echt Null!“ (Muriverlag, 3501 Emstal 2, Landgraf-Philipp-Straße 15, 1981; 144 S., 10, – DM.) Hanns-Hermann Kersten