Von Theo Sommer

Amerika und Rußland sind wie zwei kleine Jungen, die bis zu den Knien im Benzin stehen. Einer hat fünf Feuerzeuge, der andere zehn. Der mit den zehn prahlt: „Ich fühle mich sicherer, weil ich zehn Feuerzeuge habe.“ Und beide wollen sich auf Deubel komm raus immer mehr verschaffen.

Dieses Gleichnis vom selbstmörderischen Overkill – Überrock – erklärt besser als jede umständliche Problemanalyse, warum mehr und mehr Menschen in der demokratischen Welt an der Theorie der nuklearen Abschreckung zu zweifeln beginnen. Sie hat, mitsamt dem dahinterstehenden Rüstungsarsenal, drei Jahrzehnte lang den Frieden bewahrt; dies läßt sich nicht leugnen. Aber ist Verlaß darauf, daß es auch fürderhin gutgeht? Und ist nicht auf jeden Fall das fortgesetzte atomare Wettrüsten Irrsinn? Um im Bilde der beiden Jungen zu bleiben: Wächst nicht mit jedem Feuerzeug die Gefahr, daß einer zu zündeln anfängt und alles in die Luft jagt?

Dreißigtausend Kernwaffen lagern heute in den amerikanischen Zeughäusern, ein Drittel davon strategische Gefechtsköpfe; zwanzigtausend Kernwaffen haben die Sowjets angehäuft. Doch noch immer rüsten die Supermächte unentwegt weiter (übrigens auch, wiewohl in vergleichsweise geringer Größenordnung, die kleineren Atommächte Frankreich, Großbritannien und China). Reagan will jetzt dem US-Arsenal 17 000 Kernwaffen hinzufügen. Breschnjew hat sein Moratorium für die Aufstellung der sowjetischen Mittelstreckenraketen auch erst verkündet, als das SS-20-Programm im wesentlichen erfüllt war, und läßt ohnedies in allen anderen Sparten lustig fortrüsten.

Wirkliche Abrüstung bleibt vorerst ein eitler Traum, und auch die bescheidenen Versuche, das Wettrüsten, wo schon nicht zu beenden, so doch wenigstens zu zügeln, kommen nicht vom Fleck. In Genf sind gerade die amerikanisch-sowjetischen Mittelstreckengespräche auf zwei Monate unterbrochen worden (eine Vertagung, die eigentlich nur gesucht haben kann, wer dem Bundeskanzler Schmidt für seinen Münchner Parteitag im April Felsblöcke auf den Weg rollen wollte). Die Wiener MBFR-Verhandlungen über eine beiderseitige Verminderung der konventionellen Truppen in Europa krebsen seit acht Jahren ergebnislos dahin. Für die Verhandlungen über die Interkontinentalraketen der beiden; Atomgroßmächte aber hat Ronald Reagan auch fünf Vierteljahre nach seinem Einzug ins Weiße Haus noch kein Konzept, nur ein neues Kürzel: START (Strategie Arms Reduction Talks) an Stelle des in den Orkus gestoßenen SALT (Strategie Arms Limitation Talks). Auch fehlt es ihm wohl am rechten Mute. So gibt er die Parole aus: Erst aufrüsten, um dann abzurüsten. Zugleich malt er das Gespenst des Krieges an die Wand: „Es gibt eine Alternative zum höheren Verteidigungsetat – nämlich eine größere und erhöhte Kriegsmöglichkeit.“

Bis vor kurzem wurden dem Präsidenten solche Sprüche durchgelassen. Sein (inzwischen geschaßter) Sicherheitsberater Richard Allen gab die Stimmung im Weißen Haus wider, als er die europäische Friedensbewegung schlicht„despicable“ nannte, verächtlich. Was er dabei unterschlug, war die unleugbare Tatsache, daß die Friedensbewegung in Europa gar nicht dermaßen hätte ins Kraut schießen können, wenn nicht aus Reagans Washington monatelang wahrhaft furchterregendes Gerede über begrenzte Atomkriege und nukleare Kriegführungsstrategien (an Stelle der im Bündnis vereinbarten Kriegsverhinderungsstrategien) nach Europa gedrungen wäre.

Und was sich Allen, als er etlicher unbedacht entgegengenommener japanischer Gefälligkeiten wegen aus dem Staatsdienst scheiden mußte, kaum hätte träumen lassen, ist mittlerweile eine mit Händen zu greifende Wirklichkeit: Es gibt heute eine kräftige und kräftig wachsende amerikanische Friedensbewegung. Noch ist sie „ein vages Grummeln, wie ferner Donner vor dem Sturm“ (James Reston), aber sie verändert, verengt den Handlungsrahmen, in dem sich Ronald Reagan bewegt.