Von Sigrid Löffler

Normalerweise läuft das ganz anders. Wenn Literatur in Wien überhaupt wahrgenommen wird, dann als Pausenklatsch, denn literarische Texte werden in Wien lieber kolportiert als gelesen. Nicht was einer geschrieben hat, ist wichtig, sondern über wen, noch lieber: gegen wen einer geschrieben haben könnte, geschrieben haben soll, wie man so hört.

Die neueste Erzählung von Peter Handke? "Gelesen hab’ ich sie nicht, aber ich kenn’ sie. Ist das nicht die Geschichte über dem Handke seine eigene Tochter?" Das neueste Stück von Thomas Bernhard? "Gelesen hab’ ich’s nicht, aber ich kenn’s. Der Verleger, der da auftritt, soll angeblich der Siegfried Unseld sein – oder war’s der Wolfgang Schaffler?"

Das Normale also ist die Literaturbetrachtung aus der Polizistenoptik: Literarische Gestalten werden erkennungsdienstlich behandelt und zwecks Identifizierung vorgeführt. Sofern Literatur in Wien überhaupt betrachtet wird.

Sicher: Abseits und am Rande findet Literatur sogar öffentlich statt, allerdings zumeist in der leicht sektiererischen Gestalt der "Dichterlesung". Egal, ob auf Goldstühlchen und unterm Kronleuchter in irgendeinem Innenstadt-Palais oder ob auf den Holzbänken und unter den technoiden Stableuchten eines kulturamtlichen Kunst-Treffs – immer scheint die "Dichterlesung" rituell festgelegt: oben der Schriftsteller, der was vorliest, und unten, respektvoll zuhörend, das, was Peter Handke das "verstreute, verborgene Volk der Leser" nennt. Normalerweise ist dieses Volk höchstens ein Völkchen. Öffentliche Dichterlesungen vor zehn, zwanzig Zuhörern sind keine Seltenheit und passieren auch namhaften Autoren.

Um so überraschender, wenn dieser Normalfall plötzlich nicht mehr gilt. Wenn plötzlich zu einer Veranstaltung des städtischen Kulturamtes mit dem Titel "Literaturwoche im März" Tausende Leute strömen. Wenn sie sich zu Doris Lessing drängen und bei Martin Walser den Saal verstopfen, wenn sie mit Urs Jaeggi streiten und Tilmann Moser herausfordern. Mit einemmal verflüchtigt sich die Aura von Literatur als einem exklusiven Genußmittel für ein paar Eingeweihte. Zu ihrem eigenen Erstaunen sehen sich die Schriftsteller plötzlich als Instanzen, von denen Antworten, womöglich Lebensrezepte, dringlich gefordert werden.

"Ich möchte gerne von Christine Noestlinger wissen", tönt es aus dem Saal, "wie sehr ihre Privatbeziehungen von ihrer Arbeitswelt geprägt werden." Und Ludwig Fels wird aufgefordert zu erläutern, wie er für sich persönlich das Problem des Zusammenlebens mit einem oder mehreren anderen Manschen gelöst hat. Fels drückt sich nicht: "Ich bin seit elf Jahren verheiratet – inzwischen liebe ich meine Frau tatsächlich."