Noch haben die reaktionärsten Kritiker unabhängiger Staaten Schwarzafrikas recht: Hier ist es genauso schlimm mit der Unterdrückung der Meinungsfreiheit wie im rassistischen Süden Afrikas, in der Apartheid-Republik. In Kenia, dem vielgepriesenen Musterland des kapitalistischen Weges in Ostafrika, wird einheimischen Afrikanern versagt, was allen ansässigen oder durchreisenden Europäern erlaubt ist: gegen Kaution im Nationaltheater von Nairobi ein Stück aufzuführen. Durfte sogar das schwarze Sinfonie-Orchester von Sowetho kürzlich in Maseru, der Hauptstadt des unabhängigen Lesotho, gastieren, so wurde jetzt in Kenia einer Volkstheatergruppe die Lizenz verweigert, als sie das erste afrikanische „Musical“ mit dem Titel „Maitu Njugira“ (Mutter, sing für mich) aufführen wollte. Daß die vier Monate zuvor beantragte Lizenz auf Bürokraten-Ebene verweigert, ja die Anträge schlicht nicht beantwortet wurden (also nicht, mit politischer Begründung, durch ein Ministerium), macht den Skandal noch schlimmer.

Die Schauspielergruppe des Laientheaters von Kamirithu, einem kleinen Ort 40 Kilometer von der Hauptstadt Nairobi entfernt, ist nicht irgendeine: Schon vor fünf Jahren war ein Stück dieses Ensembles, aufgeführt in Afrikas größtem Freilichttheater, von der kenianischen Regierung verboten worden: „Ngaahika Ndenda“ (Ich heirate, wann ich will) in Gikuyu, der Sprache der größten Volksgruppe Kenias, verfaßt von einem Aktivisten der ländlichen Erwachsenenbildung und – Ngugi wa Thiong’o, dem berühmtesten Schriftsteller Ostafrikas.

Damals hieß es, die Aufführung des Stücks, das wahrheitsgemäß die unmäßige Bereicherung der neuen kenianischen Oberschicht beschreibt, sei geeignet, den Klassenkampf zu schüren. Wenige Monate später wurde Ngugi wa Thiong’o verhaftet und ohne Angabe von Gründen, ohne Gerichtsverfahren, ohne Urteil eingesperrt. Erst nach einem Jahr, nach dem Tod des Präsidenten Kenyatta, dessen Nachfolger Daniel arap Moi um ein liberaleres Image bemüht war, wurde Ngugi wieder auf freien Fuß gesetzt; noch heute weiß er nicht, warum er ein Jahr lang als politischer Gefangener im Hochsicherheitstrakt des noch von der britischen Kolonialmacht erbauten Kamiti-Zuchthauses hatte zubringen müssen.

Der Schriftsteller publizierte jedoch, ungebrochen von den Schikanen der einjährigen Isolationshaft, sehr bald nach seiner Freilassung ein Gefängnistagebuch, das die härteste bisher publizierte Abrechnung mit Kenias neuer schwarzer Oberschicht darstellt, sowie einen Roman, den er im Knast auf Klopapier verfaßt hatte – auch in der Gikuyu-Sprache, die Bauern und Landarbeiter besser verstehen als Englisch, die Sprache der früheren Kolonialmacht.

Dann begab sich Ngugi wa Thiong’o auf eine monatelange Tour durch Kenia, um Volkslieder und Augenzeugenberichte von alten Leuten über die Vorfälle während der dreißiger Jahre zu sammeln. Damals waren viele schwarze Aufseher auf den britischen Farmen eingesetzt, und es wurden Versuche gemacht, ein Paßsystem einzuführen, das die Mobilität von Landarbeitern drastisch beschränken sollte – ähnlich den heute in Südafrika geltenden Paßgesetzen.

Die historischen Gegebenheiten dieser Zeit stehen im Mittelpunkt des neuen Theaterstücks, angereichert durch zahlreiche Songs und Musiktitel in verschiedenen Nationalsprachen Kenias und durch Original-Dokumente. Auf Dia-Positiven werden Dokumente, Photos, Zeichnungen der damaligen Zeit gezeigt. Gewaltige Sound-Effekte gehören auch dazu: einschüchternde europäische Orchestermusik („Walküre“ von Wagner) oder das Gebell von Bluthunden der Kolonialarmee, die auf Schwarze abgerichtet sind.

Die „Multi-Media-Show“ mit historischem Hintergrund und politischem Vordergrund (alle Kenianer, die älter als 30 sind, können die Kolonialherrschaft durchaus mit den heutigen Zuständen im Lande vergleichen) wurde – obwohl alle komplizierten bürokratischen Formalitäten erfüllt waren – nicht etwa verboten, bloß nicht erlaubt. Das bedeutete praktisch: Die administrative Maschinerie reagiert nicht, und doch hat die Regierung kein Verbot ausgesprochen. Dies ist ein gewichtiger Unterschied in einem Land, dessen Präsident amtierender Vorsitzender der „Organisation für afrikanischen Einheit“ ist und das sich rühmt, im Vergleich mit anderen Staaten Afrikas bei der Bewertung der Menschenrechtssituation noch relativ glimpflich weggekommen zu sein; amnesty international rügte „lediglich“ die gesetzlich vorgesehene, oft praktizierte Todesstrafe gegen Kriminelle in Kenia.