Mindestens zweihunderttausend Menschen – oder jeder zehnte Arbeitslose – könnten heute in der Bundesrepublik eine Beschäftigung finden, wenn es eine flexiblere Gestaltung der Arbeitszeit bei Firmen und Behörden gäbe. Diese Ansicht vertritt jedenfalls Werner Then, Geschäftsführer von Randstad. Natürlich vertritt er damit auch seine eigenen Interessen, denn das von ihm geleitete Unternehmen vermittelt Zeit-Arbeitskräfte. Ob die von ihm genannte Zahl wirklich realistisch geschätzt ist, mag überdies bezweifelt werden.

Das ändert aber nichts daran, daß er im Prinzip recht hat. Es gibt eine wachsende Zahl von Berufstätigen, die durchaus bereit wären, zugunsten von mehr Freizeit auf einen Teil der wöchentlichen Arbeitszeit und das damit verbundene Einkommen zu verzichten. Sie würden Platz machen für andere, die eine Beschäftigung suchen und damit zu einer vernünftigen Verteilung der knapp gewordenen Arbeit beitragen – besser jedenfalls, als dies mit einer tariflichen oder gesetzlich erzwungenen Arbeitszeitverkürzung erreicht werden könnte, wie sie Arbeitsminister Herbert Ehrenberg durchsetzen möchte. Auf die individuellen Bedürfnisse der einzelnen Arbeitnehmer und Betriebe kann eine solche Regelung nämlich keine Rücksicht nehmen.

Die Gesetze und Erlasse, die von Ehrenbergs Ministerium für Arbeit und Sozialordnung produziert werden, geraten überhaupt immer mehr zu Musterbeispielen für den Versuch, die Lösung wirtschaftlicher und sozialer Probleme auf dem Verordnungsweg zu erzwingen. Dabei bleibt dann für die Initiative und Phantasie der Betroffenen immer weniger Spielraum. Das gilt für das Gesundheitswesen ebenso wie für die Arbeitsmarktpolitik: Statt ökonomisches Verhalten im Krankenhaus oder beim Arztbesuch anzuregen und zu belohnen, fällt den Bürokraten nichts Besseres ein, als Leistungen zu streichen. Statt denjenigen zu helfen, die ihre Arbeitszeit freiwillig reduzieren wollen, sollen alle gezwungen werden, etwas weniger zu arbeiten. Statt darüber nachzusinnen, wie Arbeitslose zu mehr Mobilität und Flexibilität motiviert werden können, werden die Zumutbarkeitsregelungen verschärft.

Doch Einfallslosigkeit und geringes Vertrauen in die Bereitschaft zur Selbsthilfe ist nicht allein im Bonner Sozialministerium beheimatet. Bundeswirtschaftsminister Graf Lambsdorff hat jetzt wieder daran erinnert, daß sich die FDP beim Kompromiß über den Haushalt ’82 vorbehalten hatte, wieder auf die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall zurückzukommen! möchte das Gesetz so reformieren, daß der Mißbrauch eingeschränkt wird – wogegen kein vernünftiger Mensch etwas einwenden kann. Aber weder aus der Partei noch aus dem Wirtschaftsministerium ist dazu ein sinnvoller Vorschlag gekommen außer der Primitivlösung, für die ersten Tage einer Krankheit keinen Lohn Zu zahlen.

Gewiß, mit der Lohnfortzahlung wird viel Schindluder getrieben. Mancher „Grippe-Kranke“ verlängert nur sein Wochenende oder möchte in Ruhe (und bei vollem Gehalt) seine Wohnung streichen. Aber wieviele kommen trotz echter Grippe zur Arbeit, weil sie eine Aufgabe übernommen haben, Verantwortung fühlen? Und wieviele Krankheiten sind die Folge eines schlechten Betriebsklimas – also auf Managementfehler Zurückzuführen? Und soll wirklich demjenigen ein paar Tage lang der Lohn gestrichen werden, der nach vielen Jahren gewissenhafter Arbeit Zum erstenmal wirklich fehlen muß?

Eine sinnvolle Lösung des Problems kann also nur darin bestehen, diejenigen zu belohnen, die nicht krankfeiern – etwa durch Prämien oder zusätzliche Urlaubstage. Ein Unternehmen könnte zum Beispiel das gegenüber dem Vorjahr eingesparte Geld an diejenigen zu verteilen, die nie gefehlt haben. Natürlich braucht es ein wenig Phantasie, um das Ziel auf solchen Wegen zu erreichen – aber die Investition lohnt sich. Positive Lösungen sind immer wirkungsvoller als Verordnungen, Verbote und Strafen, da sie die Betroffenen zur Mitarbeit motivieren, nicht zu Umgehungsversuchen. Michael Jungblut