Eines ist sicher, bei allen Ungewißheiten: Wenn Ronald Reagan Anfang Juni zum Nato-Gipfel nach Bonn kommt, wird er viele Menschen auf die Beine bringen, so oder so. Zweihunderttausend Sympathisanten aus der berühmten schweigenden Mehrheit zu mobilisieren, das traut sich die CDU schon zu bei ihrem Plan, am 5. Juni eine Solidaritätskundgebung zu veranstalten – zwar nicht direkt zugunsten des amerikanischen Präsidenten, wohl aber für das Bündnis mit den USA. Auch soll es nicht mit Strehkragen und gestärkter Hemdbrust zugehen, sondern ein bißchen wie beim Volksfest: mit Folklore und Würstchenbuden, womöglich sogar mit Barbecue.

Gemessene Feierlichkeit wird dagegen wohl in jener Sondersitzung des Bundestages herrschen, in der Reagan das Wort nehmen soll, wahrscheinlich am 9. Juni. Sobald die üblichen diplomatischen Sondierungen abgeschlossen sind, kann die Einladung abgeschickt werden, vermutlich Anfang nächster Woche, nach ziemlich heftiger Konkurrenz um die Erstgeburt dieser Idee, mit leichtem Vorsprung wiederum für die Union. Jedenfalls wetteiferte die Prominenz der drei Parlamentsfraktionen miteinander.

Andererseits grummelt es beim linken Teil des sozialdemokratischen Fußvolks ein wenig: so viel Aufwand für den höchsten Repräsentanten einer Politik, mit der man keineswegs völlig übereinstimmt?

Das Ereignis und der Aufwand rufen natürlich auch andere auf den Plan. Noch steht im einzelnen nicht ganz fest, was die Friedensbewegung unternimmt. Doch daß ihre Anhänger vor und während des Reagan-Besuchs zahlreich zur Stelle sein werden, das ist ausgemacht. Gedacht wird ebenfalls an eine große Kundgebung, zumal mit Vertretern der wachsenden amerikanischen Friedensbewegung, und an kleinere Aktionen. Auch Erhard Eppler denkt an eine solche Solidaritätsdemonstration, nicht gegen Reagan, sondern zugunsten der amerikanischen Gesinnungsfreunde.

Da wird es noch viel innenpolitischen Streit geben. Denn während FDP-Politiker wie Hildegard Hamm-Brücher oder Jürgen Möllemann einer überparteilichen Kundgebung für die Nato und die USA das Wort reden, wäre es kein Wunder, wenn sich Sozialdemokraten auch bei den Aufzügen der Friedensbewegung fänden. Willy Brandt versucht deshalb schon vorzubauen, gewissermaßen mit einem negativen „Sowohl-als-Auch“: am besten keine Demonstrationen, weder pro noch contra; erscheint ihm das CDU-Vorhaben „nicht angemessen“, so wünscht er auf der anderen Seite keine sozialdemokratische Beteiligung an Kundgebungen gegen Mitglieder des westlichen Bündnisses.

Aber kann das noch viel bewirken? Beim Besuch Reagans wird es wohl sehr gedrängt und ziemlich unübersichtlich zugehen in Bonn, so oder so.

Noch eine andere Sondersitzung steht dem Bundestag ins Haus, ganz unmittelbar: am letzten Dienstag dieses Monats, an dem das Parlament bereits in den Osterferien sein wollte. Auf der Agenda wird die Verabschiedung des Beschäftigungsförderungsgesetzes stehen. An sich wäre dafür auch noch Ende April Zeit gewesen, ehe sich der Bundesrat entscheidet. Aber die Sozialdemokraten wollen das Gesetz schon auf ihrem Münchner Parteitag Mitte April als jedenfalls vom Bundestag abgesegnet vorweisen können; gegen die Opposition werden die Koalitionsfraktionen die Sondersitzung per Geschäftsordnungsantrag durchdrücken, ein seltener Vorgang.